Politik : SPD-Spendenskandal: Sprachlos in der Krise

Jürgen Zurheide

Am Ende ging alles ganz schnell. Nachdem der nordrhein-westfälische SPD-Landeschef Harald Schartau am Samstag ein zweites Mal kurz vor den Landesdelegierten gesprochen hatte, verspürten die plötzlich keine Neigung mehr, ihm oder Franz Müntefering zu antworten. Die Stimmung war gedrückt - denn noch in der Nacht war die Liste für die Bundestagswahl geändert und der Name des Kölner SPD-Kandidaten Werner Jung gestrichen worden.

Der mit der Aufklärung des Spendenskandals beauftragte Ex-Bundesminister Jürgen Schmude hatte dem Landesvorstand seine Zweifel offenbart, ob Jung nicht mit unsauberen Spendenquittungen hantiert hatte. "Ich weiß, dass einige das als Zumutung empfunden haben", begann Landeschef Harald Schartau seine Rede. Natürlich war ihm berichtet worden, dass in Köln reichlich Aufregung herrscht und sich inzwischen viele der 109 angeschriebenen Mandats- und Funktionsträger schwer tun, eine von ihnen verlangte Ehrenerklärung zu unterzeichnen.

Noch während Schartau redete, sickerten aus der Domstadt neue Details über das Spendensystem des Ex-SPD-Fraktionschefs Norbert Rüther durch. Offenbar haben sowohl die sozialdemokratische Bürgermeisterin Renate Canisius wie Rüthers Nachfolger im Amt des Fraktionschef, Heinz Lüttgen, Selbstanzeige beim Finanzamt erstattet - ein deutlicher Hinweis für die Delegierten, dass die Krise noch nicht bewältigt ist.

Die Genossen kämpfen an vielen Fronten. In der Parteiführung fragt man sich besorgt, ob der Wuppertaler Oberbürgermeister Hans Kremendahl noch zu retten ist. "Der ist mindestens grenzenlos naiv gewesen", kommentiert ein hochrangiger Sozialdemokrat die Tatsache, dass Kremendahl insgesamt 500 000 Mark von einem Bauunternehmer für seinen Wahlkampf erhalten hat.

Der einzige, der am Samstag versuchte, den Blick auf die Bundestagswahl zu richten, war Müntefering. Er ritt im gewohnten Tempo einige Attacken gegen den politischen Gegner: "Es gibt keine Sippenhaft, es gibt keine Wohnorthaftung", giftete er in Richtung CSU, wegen der süddeutschen Angriffe auf den gebürtigen Wuppertaler Bundespräsident Johannes Rau. "Spender sind keine Lumpen", rief er wenig später in den Saal, aber auch hier blieb der Beifall eher matt.

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