SPD : Steinmeier kommt

Warten auf den Augenblick: Außenminister Frank-Walter Steinmeier spielt in Brandenburg virtuos mit seinen Rollen als Wahlkämpfer, Staatsmann und möglicher Kanzlerkandidat.

Antje Sirleschtov
Steinmeier
Zwischen Kaukasus und Jüterborg. Steinmeier auf Draisinen-Fahrt in Richtung Werder. -Foto: ddp

Der Mann hat Nerven! Es ist kurz vor Mittag, im Schwarzen Meer beobachtet man bedrohliche Flottenbewegungen – und Frank-Walter Steinmeier nimmt gemächlichen Schrittes Kurs auf den Rittersaal der Burg Eisenhardt, einer zum regionalen Ausflugsziel hergerichteten Backsteinfestung im südwestlichen Brandenburg. Hier wird man dem hohen Gast aus Berlin und seinen Mitreisenden Wildschwein mit Rotkohl und Klößen servieren.

Ganz schön schwer sind die Beine inzwischen von der Ochsentour. Schließlich fährt Steinmeier schon seit dem Morgengrauen, von einer Busladung Kameraleuten und Journalisten verfolgt, kreuz und quer durch die Region. Reihenweise Hände örtlicher Honoratioren hat er inzwischen geschüttelt, eine High-tech- Firma besucht, auf dem Bauernhof in Belzig mit Dorfkindern geplauscht und Ökoäpfel verkostet. Ja, und zwischendurch natürlich immer wieder höchste Anspannung am Telefon: Die Krise im südlichen Kaukasus und ein tragisches Attentat in Afghanistan fordern auch hier die ganze Aufmerksamkeit des Außenministers. Bis dahin hat der Mann mit den weißen Haaren all seine Rollen erstaunlich überzeugend unter einen Hut gebracht: Wahlkämpfer in Brandenburg und gleichzeitig Weltdiplomat im Kanzlerformat.

Doch kurz bevor Steinmeier den Eisenhardtschen Rittersaal erreicht, passiert plötzlich etwas vollkommen unterwartetes und man spürt sofort: Hier wird er gleich noch in einer ganz anderen Rolle zu sehen sein, und zwar in der des Spitzen-Parteipolitikers und Vielleicht-Kanzlerkandidaten der SPD. Eine ältere Frau – SPD-Anhängerin, wie sich später herausstellen wird – springt strahlend von ihrem Stuhl im Burghof auf und ruft dem vorbeigehenden Politiker mit lauter Stimme zu: „Wir setzen auf Sie!“ Woraufhin der so direkt Angesprochene einen Moment inne hält, lächelt – und sich dann aber doch entscheidet, an der Rentnerin vorbei zu gehen. Nur diesen knappen Gruß ruft er ihr noch zu: „Zu Recht!“

Nein, der Augenblick ist offenbar noch nicht gekommen, den Steinmeier für angemessen hält, deutlichere Worte über seine Rolle im Bundestagswahlkampf 2009 zu offenbaren. Will er nächstes Jahr an der Spitze seiner Partei um das Kanzleramt kämpfen oder nicht? Er hätte einen Hinweis geben können während dieser Sommerfahrt durch seinen Wahlkreis – den zweitgrößten in ganz Deutschland übrigens –, den er für die SPD mit einem Direktmandat gewinnen will. So, wie es seiner Vorgängerin Margit Spielmann seit Jahren gelingt. Der Hinweis hätte einer sein müssen, der die Autorität des SPD-Vorsitzenden Beck nicht sofort untergraben hätte, der ja qua Amt das Recht innehat, die Kandidatenstelle zu vergeben. Und von dem sie in der Partei sagen, seine Zeit als potentieller Kanzlerkandidat sei sowieso irgendwann in diesem Sommer zu Ende gegangen – unklar ist allein, ob Beck das auch so sieht.

Doch Frank-Walter Steinmeier wird nirgendwo am Brandenburger Wegesrand einen Hinweis zurücklassen. Keinen jedenfalls, den man in Schlagzeilen oder Fernseh-Statements bannen kann. Was man dem Mann als Beweis dafür auslegen könnte, dass es ihm am notwendigen Biss fehlt, den man braucht, um Kanzler von Deutschland zu werden. Was man aber auch als Zeichen der Überlegenheit bewerten kann. Schließlich geht es in diesen turbulenten innenpolitischen Zeiten nicht nur um die Macht eines Einzelnen, sondern zumindest für einen stellvertretenden SPD-Vorsitzenden wie Steinmeier auch um die Zukunft seiner Partei. Und die bietet dieser Tage auch ohne einen offenen Konflikt an der Parteispitze genug Sprengstoff auf.

Und doch hinterlässt Frank-Walter Steinmeier in diesen Tagen eine Botschaft, die an Klarheit kaum etwas zu wünschen übrig lässt: Er kann es. Er traut es sich zu. Wer ihn beobachtet, sieht längst nicht mehr den grauen Beamtentypen hinter einem charismatischen Bundeskanzler Gerhard Schröder – einen, der in Amtsstuben leise und effektiv verwaltet, was der Meister vorn im Rampenlicht publikumswirksam in Politik umsetzt. Zu diesem menschenscheuen Typus, der monatelang beschrieben wurde als einer, der immer ein wenig ungelenk und verkrampft neben seinen Wählern steht, zählt der Frank-Walter Steinmeier dieses Sommers ganz und gar nicht mehr: Gelassen geht er auf die Leute zu und trifft offenbar den richtigen Ton. Er ist keiner, der sich lautstark wichtig macht, er schwingt keine hochtrabenden Reden und zischt im nächsten Moment in seiner Limousine davon.

Lange Zeit sorgten sich Steinmeiers Vertraute um dessen Bekanntheitswerte. Als Außenminister, klar, da genießt man in Deutschland fast immer hohe Popularität, wenn man sich auf dem diplomatischen Parkett zu bewegen weiß und regelmäßig im Fernsehen mit den Größen der Welt zu sehen ist. Aber reicht das für einen Wahlkämpfer aus, der vorher noch nie in Landgasthöfen und Bierzelten gesprochen hat?

Die Leute auf dem Landwirtschaftsgut Schmerwitz in der Nähe von Belzig haben an diesem Tag eigentlich schon nicht mehr damit gerechnet, dass der Vizekanzler und Außenminister Steinmeier überhaupt noch zu ihnen kommt. Hatte doch jeder am Abend zuvor in den Nachrichten gesehen, wie frostig das Klima zwischen Moskau, Tiflis, Berlin und Brüssel ist. Steinmeier kam trotzdem. Und er blieb sogar fast zwei Stunden dort. Er hat sich interessiert die wechselvolle Geschichte der Öko-Farm angehört, ließ sich von einer resoluten Mitfünfzigerin mehrfach auf die Schulter klopfen und fand sogar zwischendurch noch Zeit, unter einem Baum zu stehen und mit dem norwegischen Außenminister zu telefonieren. Die Leute waren zufrieden und mancher sogar beeindruckt: „Der stellt ja richtig was dar“, lobte später einer den Sommergast.

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