SPD-Wahlprogramm : Steinmeiers Kanzlerakrobatik

Es war eine schwierige Aufgabe: Frank-Walter Steinmeier sollte im Berliner Tempodrom der SPD zu neuem Kampfeswillen und Siegesgewissheit verhelfen. Er sollte den Startschuss zu einem mitreißenden Wahlkampf geben - und zeigen, dass er selbst ein guter Wahlkämpfer sein kann.

Stephan Haselberger,Hans Monath

BerlinBerlin - Es ist eine wichtige Rede, die der Mann mit dem weißen Haar da vorne auf der Bühne gleich halten muss, vielleicht die wichtigste seiner Kanzlerkandidatur. Frank-Walter Steinmeier steht vor 2500 Genossen im Berliner Tempodrom. In der Arena mit ihren steil ansteigenden Sitzreihen treten sonst Popgrößen auf, zu Weihnachten halten Artisten des Zirkus Roncalli das Publikum in Atem.

Auch von Steinmeier wird an diesem Nachmittag ein Kunststück erwartet. Er soll die deutsche Sozialdemokratie zum Auftakt des Wahlkampfes mitreißen und begeistern, soll Zweifel zerstreuen und Siegesgewissheit einimpfen, obwohl der Abstand zur Union in nahezu allen Umfragen riesig ist. Das alles mit einer einzigen Rede. Ungünstigerweise ist Frank- Walter Steinmeier aus Brakelsiek in Ostwestfalen kein großer Redner. Er neigt zu langen Sätzen, zu Formeln und Floskeln. Es ist, als plage ihn die Sorge, er könne zu viel preisgeben. Vielleicht macht er deshalb manchmal viele Worte, ohne viel mitzuteilen. Für den Außenminister der Bundesrepublik Deutschland ist das weiter kein Problem. Wenn einer aber Kanzler werden will, dann ergeht es ihm wie dem Drahtseilartisten im Zirkus: Die Leute wollen etwas geboten bekommen für ihr Geld.

Erhebt Steinmeier auf Parteitagen kämpferisch die Stimme, dann klingt er oft wie eine Kopie von Gerhard Schröder. Dem hat er am Vorabend noch zum 65. Geburtstag gratuliert, war mit SPD- Chef Franz Müntefering an den Maschsee nach Hannover gereist, wo der Altkanzler mit 600 Gästen feierte. Steinmeier schenkte seinem früheren Chef einen teuren Rotwein und ein Krabbenessen auf Borkum. Wenn es stimmt, was in Berliner Kreisen gemunkelt wird, dann hält Schröder seinen ehemaligen Kanzleramtsleiter für einen hervorragenden Erben. Als Regierungschef. Nur was die Befähigung Steinmeiers zum Kandidaten angeht, da habe Schröder so seine Zweifel.

Es ist fast schon egal, ob die Geschichte stimmt. Denn die Zweifel an Steinmeier – sie existieren. Es gibt sie in der Partei und offenbar auch in der Bevölkerung. Die neuen Umfragetiefststände für den Kandidaten mögen auf die Dauerpräsenz der Gipfelkanzlerin Merkel in den TV-Nachrichten der letzten Wochen zurückzuführen sein. Aber wahr ist auch: Als Zugpferd der SPD hat sich der Außenminister bisher nicht erwiesen.

Natürlich weiß Steinmeier um die Vorbehalte. Aber noch bevor er im Tempodrom die ersten Sätze spricht, klatschen sie ihm schon zu, wie zur Ermutigung. Und ganz vorne in seinem Manuskript steht ein Bekenntnis. Es soll jene Entschlossenheit demonstrieren, die manche in der SPD an ihm vermissen. „Wer gute Politik machen will in Deutschland, muss regieren“, ruft er: „Das will ich. Und das als Bundeskanzler.“

Vor Steinmeier hat Müntefering gesprochen, der beste Redner, den die SPD hat. Müntefering sagt manchmal auch nicht viel, das aber in kurzen Worten. Für ihn geht es in seiner dreizehnminütigen Rede vor allem darum, Steinmeier nicht zu übertrumpfen. Der SPD-Chef in der Rolle des ersten Kanzlerkandidatenhelfers – so ist es am Sonntag im Tempodrom und so war es schon immer, seit Steinmeier ihm den Parteivorsitz angetragen hat, damals Anfang September am Schwielowsee, als Kurt Beck entnervt aufgab.

Auch am Samstag hat Müntefering kräftig geholfen, als der Parteivorstand im Willy-Brandt-Haus zusammensaß. Es ging um das Programm für den Wahlkampf, also um das sozialdemokratische Glaubensbekenntnis im Kampf um Wählerseelen. Manche vom linken Flügel drängten noch auf die Wiedereinführung der Vermögensteuer. Aber als „Kandidat der Steuererhöhung“ wollte Steinmeier nicht in den Kampf ziehen. Am Ende folgt der Vorstand einstimmig. Müntefering hatte für Wortmeldungen gesorgt, die vor einer Beschädigung des Kandidaten warnten.

Nur einmal war auch dem Parteichef die Kontrolle fast entglitten: Es fehlten nur ein oder zwei Stimmen, dann hätte der Antrag von Juso-Chefin Franziska Drohsel Erfolg gehabt, das Bekenntnis zur Schuldenbremse aus dem Programm zu streichen. Es wäre das Signal gewesen, dass die SPD ohne Rücksicht auf kommende Generationen Geld ausgeben will. Fatal für Steinmeier, den Kandidaten der Mäßigung, fatal für einen Mann der Mitte, der stets korrekt sein will und dabei manchmal beamtenhaft wirkt.

Langweile? Mäßigung? Es ist ein überraschend lebhafter, zuweilen sogar scharfer Redner, der am Sonntagnachmittag mitten im Rund des Tempodroms am Pult steht – gewissermaßen mitten in der SPD. Einer, der sich nicht scheut, über Emotionen zu sprechen. „In unserem Land gärt es“, sagt er: „Das Gerechtigkeitsgefühl ist verletzt.“ Maßlosigkeit und Gier hätten sich breit gemacht. „Da ist etwas aus den Fugen geraten. Das schreit nach Korrektur.“

Von der Reformpolitik, die in seiner Partei in den vergangen Jahren so viele Wunden geschlagen hat, distanziert sich Steinmeier nicht. Die zehn Regierungsjahre der SPD erscheinen in seiner Rede vielmehr als permanenter Versuch, den Durchmarsch des Neoliberalismus zu verhindern. Die Kanzlerin halte die Krise nur für einen Betriebsunfall und wolle schnell „zu den alten Regeln“ zurückkehren. Das aber sei ein gefährlicher Irrtum. „Ich will keine Rückkehr zum Alten in Deutschland, ich will den Aufbruch zum Besseren.“ Konkret heißt das: Entlastung für die unteren Einkommensschichten, mehr Geld für Bildung und Familien, einen größeren Beitrag der Vermögenden.

Eine Stunde kämpft Steinmeier im Tempodrom. Die Genossen in der Halle, die ein wenig so wirkt wie eine römische Arena, haben den festen Willen, ihren Kandidaten zu feiern. Steinmeier hat ihnen mehr Wahlkampfzirkus geboten, als sie von ihm gewohnt sind. Am Ende scheinen die miesen Umfragewerte und die Zweifel am Kandidaten verflogen. Die Zweieinhalbtausend stehen auf und klatschen minutenlang. Steinmeiers Frau Elke kommt auf die Bühne und umarmt ihn. Frank-Walter Steinmeier lacht. Er wirkt wie befreit.

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