Politik : Speisen ohne Wagen

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Von Bernd Matthies

Er war für viele der wichtigste Grund, mit der Bahn zu reisen und nicht mit dem Flugzeug: der Speisewagen, die bestmögliche Kombination von Fortbewegung und Lebensart, das Kreuzfahrtschiff einmal ausgenommen. Zwar wurde er in den letzten Jahrzehnten in Deutschland zur rollenden Hilfskantine heruntergewirtschaftet, wurde unter dem wenig attraktiven Mitropa-Signum mit öden Mikrowellengerichten bestückt und bei den geringsten Anzeichen drohenden Personalmangels einfach stillgelegt - doch erst seit Mittwoch ist sein Schicksal endgültig besiegelt. Die Deutsche Bahn koppelt den Speisewagen vom Modernisierungszug ab, weil ihn die Fahrgäste angeblich nicht mehr mögen. 2005 sollen die letzten Exemplare aufs Abstellgleis rollen

Statt dessen, so stellt man sich das bei der Bahn vor, wird nun das SB-Bistro eine größere Rolle spielen; vor allem aber will man Flugzeug spielen, mit freundlichen Uniformträgern, die Brote, Salate und Getränke an den jeweligen Sitzplatz schleppen. Auf diesen Plätzen sitzt, so glaubt man bei der Bahn zu wissen, der moderne Fahrgast, glücklich, nicht mehr aufstehen zu müssen, glücklich, gleichzeitig kauen, auf sein Laptop einhämmern und telefonieren zu dürfen. Über die Größe der Tische wird kein Wort verloren, nichts über andere Fahrgäste, die möglicherweise deshalb mit der Bahn fahren, weil sie keine Lust haben, sich vom Nachbarn, Schulter an Schulter sitzend, mit Krümeln bedecken zu lassen. Hat die Bahn, wie Fans spotten, nun endlich die Nachteile des Bahnfahrens mit den Nachteilen des Fliegens unter einen Hut gebracht?

Eins steht fest: Mit dem Verschwinden des Speisewagens verschwindet auch ein Element der Filmkultur. Melancholische Reisende, hinter denen sich beim Wein endlose Landschaften entrollen, Agenten, die sich Verfolgungsjagden zwischen Kellnern und Bahnreisenden liefern, amouröse Komplikationen zwischen Fremden im Zug - das alles ist nun Vergangenheit. Es reicht künftig nur noch für einen banalen Knutschfleck an der Bistro-Theke.

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