Politik : Spekulationen über künftige Aufgaben

Stephan-Andreas Casdorff

"Ich werde ja jetzt nicht weniger Zeit als vorher haben", hat Wolfgang Schäuble mit leise traurigem Lächeln gesagt. Da hatte er gerade das letzte seiner Führungsämter, den CDU-Vorsitz, abgegeben. Das Ende der Karriere? Sein Bruder Thomas, der Innenminister in Stuttgart, war sich auf dem Parteitag in Essen sicher, "dass der Wolfgang nicht in ein Loch fallen wird". Richtig ist: Die Tagespolitik der CDU wird nicht mehr von Schäuble dominiert - stattdessen könnte er sich mit ganzer Kraft der europäischen und der Politik über den Tag hinaus verschreiben.

Wilhelm Staudacher, der Manager der Konrad-Adenauer-Stiftung, verpasst der gerade ein völlig neues Konzept. Intern stöhnen manche Altgedienten. Hier soll ein moderner "Think Tank" - eine Denkfabrik - entstehen, mit Projektgruppen, kleinen Einheiten, gewissermaßen Eingreifreserven. Politik fürs 21. Jahrhundert, aber nicht mit den Mitteln der 60er Jahre des vorigen Jahrunderts. Das klingt wie früher Heiner Geißler, und bei dem hat Staudacher politische Planung gelernt. Ein Ruck geht durch die Stiftung, dafür sorgt der Generalsekretär, der den Bundespräsidenten Roman Herzog als Staatssekretär zum Erfolg managte. Und Herzog, nach Diskussionen mit anderen Think Tanks, die "Ruck-Rede" anpasste. Staudacher hat im Blick auf Schäuble, der bereits dem Stiftungsvorstand angehört, öffentlich gesagt: "Wolfgang Schäuble wäre als Vorsitzender eine ideale, eine große Besetzung."

Das sagt für die Zukunft alles - aber für die weiter entfernte. Günter Rinsche steht gegenwärtig der Stiftung vor. Früher hat er im Europaparlament die deutsche Gruppe in der Fraktion der "Europäischen Volkspartei" (EVP) geleitet. Rinsche wird in diesem Jahr 70, das Amt in der Stiftung wird er im Frühjahr 2001 abgeben. Dann könnte Schäuble (57) neuer Chef werden.

Das Kapital des politischen "Generalisten" Schäuble spricht noch für ein weiteres Amt. In Parteiführung und inhaltlicher Führung hat er Erfahrungen, geschätzt wird er als Denker - das klingt nach idealen Voraussetzungen für den EVP-Vorsitzendenposten. Von dort kommen aus Sicht der CDU zu wenig Impulse. Auch findet die EVP nicht zu inhaltlicher Geschlossenheit. Der Fall Haider und die Folgen als Beleg: Sie werden zu einer Belastungsprobe für die Einheit der bürgerlichen Parteien Europas. Der Belgier Wilfried Martens, ehedem Premier seines Landes, leitet die EVP. Jetzt, kurz vor seinem 64. Geburtstag, wird über seine Zukunft spekuliert. Martens ist im Februar 1999 für drei Jahre gewählt worden. Wenn Schäuble gefragt wird, ob er vorher Nachfolger werden will - dann will er diese Frage zunächst offen lassen. Ganz bestimmt die nächsten Wochen. Er will erst Abstand gewinnen, sein Buch voranbringen, in dem er begründet, "warum die Union gebraucht wird", nachdenken, anderen Zeit zum Nachdenken lassen.

Manche haben es schon getan. Saar-Ministerpräsident Peter Müller, der in Essen die Laudatio auf den scheidenden Vorsitzenden hielt, fände das neue Amt den Fähigkeiten angemessen. Auch der Thüringer Ministerpräsident Bernhard Vogel ist der Meinung, dass Schäuble seine Erfahrungen weitergeben sollte - in der EVP. Und in der Adenauer-Stiftung. Vogel, deutlich älter als Schäuble, war früher deren Vorsitzender, bevor er als Regierungschef reaktiviert wurde. Das ist allerdings eine Karriere, die Schäuble wohl nicht mehr vor sich hat.

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