• Spenden-Affäre: Schuld und Schulden - Helmut Kohl war es bisher gewohnt, dass sich alles mit Geld regeln lässt (Gastkommentar)

Politik : Spenden-Affäre: Schuld und Schulden - Helmut Kohl war es bisher gewohnt, dass sich alles mit Geld regeln lässt (Gastkommentar)

Friedrich Schorlemmer

Am 3. Oktober feiert Deutschland zehn Jahre Einheit. Als Kanzler der Einheit hat Helmut Kohl historische Verdienste. Aber er hat auch Gesetze zur Parteifinanzierung gebrochen. Soll er zum Tag der Einheit in Dresden reden?

Wer so gut schweigen kann, soll nun nicht reden. Kohls Leistung ist inzwischen überzeugend gewürdigt worden, auch unter (seinen) Tränen. Was hätte er uns noch zu sagen, das er nicht längst gesagt hätte? Würde er wieder von sich in der dritten Personen sprechen und sein (von anderen böswillig besudeltes) Denkmal putzen? Alle Ehren hat er bereits zum 9. November 1999 im Reichstag abgefasst, als ob ihm entscheidendes Verdienst beim Mauerdurchbruch zukäme. Keiner wagt die Wette, ob das System Kohl so stark geblieben ist, dass sein Auftritt am 3. Oktober 2000 durchgesetzt wird. Ehrengast sollte er wohl - trotz zweifelhaften Ehrenworts! - sein: Es ist menschlich und historisch angemessen. Seine Größe ist unübersehbar. Seine Leistungen sind dokumentiert. Sein System ist wirksam. Kohl ist wahrlich keine Unperson, aber er wirkt kräftig an seiner Selbstdemontage.

Dieser Patriarch war einmal Herr über die versteinerten Gesichter seiner Fraktion als Stefan Heym im Bundestag die Eröffnungsrede hielt. Nun kommt er wie ein tief gekränkter Über-Vater-Staatenlenker daher, der für nichts anderes als für seinen Denkmalschutz plädiert und in allen Anfragen lediglich infame Herabsetzung seiner historischen Verdienste wittert. Bei den Medien vermutet er sowieso pauschal "ganz was anderes" als die Suche nach Wahrheit. "Und das wissen Sie so gut wie ich ...", wiederholt er im Tonfall ungebändigter Wut. Das alles fällt unter die Rubrik Realitätsverlust. Wie lange muss die Öffentlichkeit solche ruppig-selbstherrliche Unverfrorenheit noch ertragen, wenn er jedes Nachfragen in Majestätsbeleidigung ummünzt und seine historischen Leistungen gegen eklatanten Verfassungsbruch aufrechnet. Er verweist empört auf die SPD, die das Grundgesetz gebrochen hat, indem sie vom Verfassungsgebot der deutschen Einheit abgerückt sei. Während er seine Schattenwirtschaft zu einem "Fehler" verharmlost, ist er bei anderen flink mit dem Wort "Verrat" zur Hand und nennt Argumente seiner Gegner "unerträglich", "absurd", "abwegig". Wer einmal seine Gunst verliert, ist keines Grußes mehr wert.

Der Unterschied zwischen Schuld und Schulden scheint ihm ebenso wenig geläufig, wie der zwischen Gnade und Ablass. Dass es etwas geben könnte, das nicht mit Geld zu begleichen sei, ist ihm fremd: Er erkaufte sich jahrzehntelang die Gefolgschaft seiner Partei; er erkaufte im Kaukasus die deutsche Einheit; er erkaufte die Zustimmung der Westeuropäer dazu mit dem Euro; er verteilte nach seinem Gutdünken geschenktes, aber offiziell verschwiegenes Geld; schließlich sammelt er bei Getreuen 8 Millionen Mark zur Begleichung des "seiner CDU" entstandenen Schadens; und nun will er sich mit 200 000 DM die Freiheit von weiteren staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen erkaufen. So bleibt der "Kanzler der Einheit" auch der Kanzler der Einheit von Bimbes und Macht. Noch immer wirft seine Macht dunkle Schatten. Er war mit ihr so verwachsen, dass das Drama weitergeht, und sei es auf Kosten seiner Partei.

Nur gut, dass wir in einer Demokratie leben, die eine geordnete Machtabgabe ermöglicht und nach Verschwundenem fragen kann - ohne Ansehen der Person. Das demokratische Deutschland - Freund wie Gegner - muss sich endlich von ihm lösen, ohne zu vergessen, was es seiner Entschlossenheit und europäischen Reputation verdankt.

Der Autor ist Studienleiter an der Evangelischen Akademie Wittenberg.

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