Politik : „Spenden nach Tsunami einzigartig“

Sozialexperte Wilke über 670 Millionen für die Flutopfer und die Unterschiede zu anderen Katastrophen

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Sie veröffentlichen diese Woche im DZI- Spenden-Almanach eine große Studie zur Tsunami-Kampagne. Zeigt sich darin die viel zitierte Spendenmüdigkeit der Deutschen, nachdem sie Anfang des Jahres so viel gegeben haben?

Nein. Zwar sind rund 670 Millionen Euro für die Flutopfer an Hilfsorganisationen geflossen. Aber deren große Mehrheit gibt an, dass andere Spendenaktionen dadurch nicht wesentlich beeinträchtigt worden sind. Offensichtlich ist der überwiegende Teil der 670 Millionen Euro zusätzlich zu ,üblichen‘ Spenden gegeben worden. Diese Umfrage ist zwar von Ende September, doch ich glaube nicht, dass sich an der erfreulichen Tatsache bis Jahresende noch etwas ändert.

Aber gerade im Oktober nach dem Erdbeben in Pakistan haben viele Organisationen beklagt, dass zu wenig Geld fließt.

Das war anfangs so. Inzwischen dürften 50 Millionen Euro zusammengekommen sein. In Vor-Tsunami-Zeiten wäre das eine sehr große Aktion gewesen! Im direkten Vergleich ist sie klein, aber das Tsunami-Ergebnis ist einzigartig und nicht reproduzierbar. Nach Weihnachten hatten die Menschen Zeit, die Bilder auf sich wirken zu lassen. Deutsche waren betroffen, noch nie war ein so zerstörtes Urlaubsparadies zu sehen, während man sich an Bergdörfer, die ein Beben zerstört hat, leider gewöhnt hat. Entscheidend aber war: Die Medien sind enorm eingestiegen, weil es eine nachrichtenarme Zeit war.

Also keine Spendenmüdigkeit?

Im Gegenteil. Zudem haben die Organisationen selbst bei Pakistan weniger vehement zu Spenden aufgerufen als beim Tsunami. Viele sind vermutlich am Rande ihrer Arbeitskapazitäten. Und viel weniger sind fachlich und logistisch dazu in der Lage, in so einer komplizierten Situation wie in den Bergen Kaschmirs zu helfen.

Hilfsorganisationen rufen die Regierung auf, antizyklisch zu helfen, also bei Notfällen, die nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen. Sie beziehen sich auch auf die 500 Millionen, die Berlin zusätzlich zu den 670 Millionen Flut-Spenden versprochen hat.

Im Prinzip ist antizyklisches Verhalten sinnvoll. Hier liegt der Fall aber nicht so einfach. Bei einer Katastrophe wie im vergangenen Dezember wird von der Regierung eine schnelle, klare Entscheidung verlangt. Die Hilfszusage über 500 Millionen war zwar einerseits Folge der sich abzeichnenden großen Spendenbereitschaft, aber sie hat diese auch weiter gefördert. Und wenn die Regierung angesichts 670 Millionen privater Spenden den eigenen Beitrag wieder um 300 Millionen reduzieren und diese in anderen Projekten einsetzen würde, würde dies sicher stark kritisiert. Nichtregierungsorganisationen selbst haben nach der Flut gefordert, dass das Regierungsgeld auch tatsächlich fließen muss. Die Spendengelder sind übrigens im Durchschnitt zur Hälfte schon wieder ausgegeben, etwa 30 Prozent sind außerdem fest verplant.

Kann man sagen, wer alles für die Tsunami-Opfer gespendet hat?

Auffällig ist, dass ein überdurchschnittlich großer Teil der Spenden von jungen Menschen gekommen ist. Eigentlich ist der durchschnittliche Spender über 50 Jahre alt und weiblich, beim Tsunami wurden bis zu 30 Prozent so genannter Erstspender registriert. Es ist für die Organisationen eine Herausforderung, diese zu binden und für künftige Aktionen zu interessieren. So hätte man auch die Chance, nicht so populäre und weniger medienkonforme Themen zu vermitteln.

Das Gespräch führte Ruth Ciesinger

Burkhard Wilke , 41, ist Leiter des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI). Das DZI vergibt das Spendensiegel und veröffentlicht diese Woche seinen Spendenalmanach.

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