Politik : Spendenaffäre: Warum Kohl nicht reden soll (Kommentar)

Norbert Seitz

Am 3. Oktober feiert Deutschland zehn Jahre Einheit. Als Kanzler der Einheit hat Helmut Kohl historische Verdienste. Aber er hat auch Gesetze zur Parteifinanzierung gebrochen - manche sagen sogar: Kohl hat gegen die Verfassung verstoßen. Soll er zum Tag der Einheit in Dresden reden?

Helmut Kohl gehört gar nicht ins Geschichtsbuch, schon eher ins Guinessbuch der Rekorde, Abteilung Dicker Fuß. Kraft dieses Körperteils ist es ihm nämlich gelungen, die von Gorbatschow einen Spalt breit geöffnete Tür zur Wiedervereinigung offen zu halten.

Das ist einer von vielen Witzen, die den Mangel an Charisma und an Gestaltungswillen des früheren Langzeitkanzlers umkreisen. Der konservative Kohl-Biograph Alexander Gauland hat den Exkanzler einmal so umschrieben: "Es fehlen ihm die subjektiven Merkmale der historischen Größe."

Das sind die Scherze von gestern. Heute befindet sich die junge Führung der Union angesichts des 10. Jahrestages der deutschen Einheit in einer Zwickmühle. Sie möchte mit dem historischen Pfund des früheren christdemokratischen Vorsitzenden wuchern - den sie um ihrer eigenen Zukunft willen aber dringend loswerden muss. Bereits mit der vollmundigen Versicherung, sich das Definitionsmonopol über die jüngste deutsch-deutsche Geschichte nicht aus der Hand schlagen zu lassen, gehen Merkel und Merz unfreiwillig jenen Dolchstoßlegenden und Komplotttheorien Kohls auf den Leim, die dem Gegner den törichten Versuch unterstellen, seine politischen Verdienste um Deutschland moralisch tilgen zu wollen.

Doch mittlerweile wird Kohls Anspruch auf das Recht der ersten Rede bei staatlichen Einheitsfeiern auch aus seiner eigenen Partei bestritten. Heiner Geißler relativierte erst jüngst den Nimbus als Kanzler der deutschen Einheit: "Die deutsche Einheit ist nicht das Ergebnis einer politischen Strategie gewesen, sondern sie ist völlig überraschend über die Deutschen gekommen und damit auch völlig überraschend für die CDU und für Helmut Kohl. Es war das Glück der Geschichte."

Angela Merkel war schlecht beraten, als sie in ihrer Essener Antrittsrede ausrief "Wir sind die Gewinner der Geschichte". So reden gewöhnlich Okkupanten, keine Befreier. Vor allem aber keine früheren Dissidenten. Eher schon Machtmenschen wie Kohl oder Unionspolitiker neben Kohl, deren Verhältnis zueinander der FAZ-Redakteur Konrad Adam einmal als "Gesinnungsgemeinschaft ohne Überzeugung" beschrieben hat, zusammengeschweißt durch den Eclat triomphal einer historisch dimensionierten Haupt- und Staatsaktion, die hinterher auch ein wenig romantisch als "stille Revolution" verkauft wurde.

Jene schiedliche Trennung zwischen seinen Verdiensten und seinen Vergehen, wie sie Merkel salomonisch vorschlägt, mag zwar einen fairen Umgang verheißen, kann aber praktisch nicht gelingen. Denn es sind nicht die rot-grünen Gegner, die mit dem Spuk des Spenden-Kohls die Gloriole des Einheits-Kohls zerstören möchten. Eher sind es die unverbesserlichen Kohlianer, die Inkomparables komparabel machen, wenn sie seine Vergehen vor dem Hintergrund seiner historischen Verdienste glauben als Peanuts bagatellisieren zu dürfen. Momentan sind höchst dubiose Aufrechnungsmuster und Rechtfertigungsideologien im Umlauf, die selbst noch Clintons und Putins Hotelbesuche gegen Ströbeles jakobinischen Tonfall in Stellung zu bringen versuchen.

Als die Spendenaffäre im vergangenen Herbst begann, erklärte der selbstgewisse Roland Koch, der Verlauf der Affäre könne nichts daran ändern, dass in zwanzig Jahren Straßen und Plätze nach Helmut Kohl benannt würden. Entweder rechnet er zynisch mit der Vergesslichkeit der Menschen oder er hält sich an die zweifelhafte Devise, wonach bei historischen Verdiensten die Unbescholtenheit der Protagonisten eher von nachrangiger Bedeutung sei.

Doch ab wann ist ein großer Politiker reif für die Verklärung? Und ab wann bleibt er auf ewig ein Schurke? Natürlich haben Sexaffären, Trunksucht oder Regierungsunlust dem Charisma von John F. Kennedy oder Willy Brandt nichts anhaben können. Deshalb mutete es auch ein wenig albern an, als vor ein paar Jahren nach neuen Enthüllungen über JFK Johannes Gross anregte, über die Umbenennung von Kennedy-Plätzen, Häusern und Brücken nachzudenken.

In Frankreich gibt es kaum ein Regierungsvergehen, dessen Francois Mitterrand noch nicht verdächtigt wurde. Doch nach machiavellistischer Tradition rechtfertigt dort die hochheilig gehaltene Nation so manchen Grenzübertritt. Mit so viel staatsräsonaler Nachsicht durfte Richard Nixon nicht rechnen. Gegen die kriminelle Watergateaffäre half auch nicht der rufmildernde Hinweis auf die Beendigung des Vietnamkrieges oder die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu China.

Heiner Geißler sieht übrigens noch gute Chancen für Kohls Kampf um die eigene Musealisierung, aber nur mit Blick auf seine strategische Leistung für die europäische Vereinigung. Geißler gnädig: "Es wird sicher Stadt- und Gemeinderäte geben, die das bei Einweihungen berücksichtigen werden." Das soll sein, irgendwann. Für heute gilt anderes. Solange Kohl uneinsichtig jeden Auftritte rechtfertigungsstrategisch missbraucht, kann eine ernsthaft erneuerte Union nur ein Interesse haben: Kohl am 3. Oktober nicht am Rednerpult zu sehen.

Der Autor leitet die Redaktion der "Frankfurter Hefte" in Berlin. Foto: Danetzki & Weidner

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