Politik : Spion vorm Altar

Stanislaw Wielgus wird heute als Warschauer Erzbischof eingesetzt – trotz des Geheimdienstskandals

Paul Flückiger[Warschau]

„Ein solcher Amtsbeginn ist schrecklich“, sagt Pater Adam Boniecki, der einstige Chefredakteur der polnischen Ausgabe des Vatikanorgans „L’Osservatore Romano“. Die Rede ist von Stanislaw Wielgus, der an diesem Sonntag trotz erwiesener Zusammenarbeit mit dem kommunistischen Geheimdienst in Warschau feierlich zum Erzbischof der polnischen Hauptstadt eingesetzt werden soll.

„Wenn ich an seiner Stelle wäre, hätte ich den Vatikan gebeten, mich zu entlassen“, meint Wielgus’ Danziger Amtskollege, Erzbischof Tadeusz Goclowski. „Diese Situation ist ein Drama für den Erzbischof“, so Goclowski. Es gebe zu viele belastende Dokumente, an deren Echtheit man nicht zweifeln könne, meint Goclowski, der bereits angekündigt hat, er werde an der Einsetzungsmesse nicht teilnehmen. Auch andere hohe Würdenträger der polnischen katholischen Kirche wollen nicht in die Kathedrale von Warschau pilgern, um ihrem umstrittenen Mitbruder zu huldigen – darunter der angesehene Krakauer Bischof Tadeusz Pieronek.

Gleich zwei Erklärungen hatte der künftige Warschauer Oberhirte am Freitag zu der ihm vorgeworfenen Stasivergangenheit verbreitet. Zuerst stritt er den Wahrheitsgehalt eines Großteils seiner im Internet kursierenden Geheimdienstakte ab und bagatellisierte in einer schriftlichen Erklärung seine Kontakte, die er in den vergangenen zwei Wochen zunächst vollkommen abgestritten hatte. „Das Treffen mit einem sehr brutalen Funktionär hat mich zu einer Verpflichtungserklärung getrieben“, schrieb Wilgus. „Ich wurde eine Weile lang schwach“, erklärte der künftige Erzbischof, nachdem ihn die Veröffentlichung seiner Geheimdienstakte in mehreren Internetportalen zu einer Stellungnahme gezwungen hatte.

Am Freitagabend schließlich zeigte Wielgus erstmals Reue und bekannte zugleich, mit seinem Verhalten „der Kirche Schaden zugefügt zu haben“. Zuvor allerdings hatte er sich im Erzbischofspalast hinter verschlossenen Türen vom päpstlichen Nuntius in Warschau die Ernennungsurkunde verlesen lassen und das Amt damit kirchenrechtlich übernommen. Vor seinem künftigen Amtssitz hatten sich derweil ein paar Gläubige zu einer spontanen Demonstration versammelt. Die Gläubigen beteten für einen Meinungsumschwung des Bischofs. Wielgus selbst sei der Einzige, der seine Einsetzung noch aufheben oder zumindest verzögern könne, hieß es in Polen.

Papst Benedikt XVI. hatte den ehemaligen Bischof von Plock bereits am 6. Dezember zum Nachfolger Kardinal Jozef Glemps in Warschau designiert und seitdem an seiner Entscheidung festgehalten. Der Heilige Vater habe „vollstes Vertrauen in Stanislaw Wielgus“, verkündete Radio Vatikan am Freitag. So hieß es zumindest offiziell. Presseberichten zufolge gibt es im Vatikan dagegen Verärgerung über den Fall Wielgus. Wie die römische Zeitung „La Repubblica“ am Samstag berichtete, äußerten sich Kurienmitglieder inoffiziell mit Sorge, dass dabei auch das Ansehen von Papst Benedikt XVI. beschädigt werden könnte. Zwar wolle es niemand im Vatikan öffentlich sagen, „aber die Verärgerung ist groß“, heißt es. Unter polnischen Kurienmitgliedern gebe es die Forderung, dass Wielgus zurücktreten solle. (mit dpa)

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