Spionageaffäre : Rätselhaftes "Bond-Girl"

Eine russische Schönheit steht im Mittelpunkt der US-Spionageaffäre. Politiker in Moskau reagieren derweil kühl bis genervt, Präsident Medwedew schweigt demonstrativ.

F. Diederichs,M. Gathmann

Für die US-Medien ist sie das „Bond- Girl“. Eine 28-jährige rothaarige Schönheit und angebliche Selfmade-Millionärin, die aus der Kälte Moskaus nach New York kam, um dort für Russland zu spionieren. Anna Chapman, so gab die in New York Verhaftete ihren Namen an, ist das attraktive und nun auf den Titelseiten vieler US-Zeitungen präsente Gesicht des elfköpfigen mutmaßlichen Agentenrings, dessen wichtigste Aufgabe die Ermittler so definieren: Politische Kreise zu unterwandern und die Erkenntnisse in die Heimat zu melden.

„Anna Chapman“, bei der es sich einem Bericht der „New York Post“ um die in Wolgograd geborene Anya Kuschenko handeln soll, widmete sich offenbar mit ganzer Kraft und viel Charme diesem Auftrag. Und vermeldete ihre Fortschritte unbekümmert in einem Video auf ihrer Facebook-Seite, die zum Zeitpunkt der Festnahme mehr als 90 persönliche Fotos sowie 180 Freunde aufwies: „Hier kann man anders als in Moskau auf der Straße erfolgreiche Menschen treffen und mit ihnen zum Dinner gehen“, freute sich die in Manhattan lebende Frau mit der Modelfigur und Vorliebe für Nachtbars und enge Kostüme. Und: „In Amerika ist alles möglich.“ Erstaunlich offen, möglicherweise sogar leichtfertig und gar nicht im Stil eines verschwiegenen Supermächtespions aus der Ära des Kalten Krieges waren auch die Angaben zu ihrer Geldquelle: „Alles Geld, das ich bekomme, stammt aus Moskau – von meiner Familie, meinen Freunden und von meiner Arbeit in Übersee.“

Für diese „Arbeit“ sei „Anna Chapman“, so der ermittelnde Staatsanwalt, außergewöhnlich gut trainiert worden. Seit sie im Jahr 2005 ein Apartment nahe der Wall Street gemietet hatte, versuchte die mutmaßliche Spionin, mit Hilfe von Internetseiten ihre sozialen Kontakte zu vertiefen, so das FBI. Beim Portal „LinkedIn“ war sie zuletzt als Geschäftsführerin einer Immobilienfirma zu erkennen, die sich der Vermittlung von Anwesen in Moskau, Bulgarien und Spanien widmete. In ihrem Lebenslauf gab sie unter anderem an, für eine Investmentfirma und einen Hedgefonds in London gearbeitet und in Russland erfolgreich Wirtschaftswissenschaften studiert zu haben. Berichten zufolge war sie kurzzeitig auch mit dem französischen Supermarkt-Tycoon Vianney Mulliez verheiratet, im Jahr 2008 habe es dann eine Scheidung gegeben.

Nach außen hin erfolgreiche Unternehmerin, doch in der Realität Spionin? Ihr Rechtsanwalt bezeichnete jetzt beim ersten Gerichtstermin in New York die Beweislage als schwach. Doch die US-Fahnder glauben, „Anna Chapman“ allein schon durch die Kommunikation mit ihrem russischen Führungsoffizier belasten zu können, der ebenfalls unter Überwachung stand. Insgesamt zehn Mal, immer Mittwochs, habe es einen Nachrichtenaustausch gegeben. Die Festnahme erfolgte, nachdem die FBI-Überwacher von kurzfristigen Reiseplänen der Dame nach Moskau erfahren hatten. Der Zeitpunkt des Zugriffs am vergangenen Sonntag in New York habe allerdings, so heißt es, im Weißen Haus zunächst für Verstimmung gesorgt. Denn ausgerechnet an diesem Tag versicherten sich Barack Obama und sein Amtskollege Dmitri Medwedew in Toronto beim G-20-Gipfel noch einmal den Beginn einer neuen Ära der Freundschaft. Doch das FBI setzte sich mit dem Argument der Fluchtgefahr offenbar durch.

Das offizielle Moskau reagiert derweil kühl bis genervt auf den Fall. Der russische Präsident äußerte sich demonstrativ nicht, Stillschweigen wahrte – wie in solchen Fällen üblich – ebenfalls der russische Geheimdienst. Premierminister und Ex-Geheimdienstler Wladimir Putin ging mit dem Fall lakonisch um. Bei einem schon zuvor geplanten Treffen mit dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton in Moskau begrüßte er seinen Gast mit den Worten: „Sie kommen gerade richtig! Die Polizei in den USA ist außer Rand und Band – steckt einfach Leute ins Gefängnis.“ Auch aus dem russischen Parlament gibt es kaum Stimmen zu den Festnahmen; Politiker wie der Duma-Abgeordnete Wladimir Schirinowskij oder der Vorsitzende des Komitees für Außenbeziehungen Konstantin Kossatschow etwa, die in ähnlichen Fällen für deutliche Worte bekannt sind, kommentierten den Fall nicht. Die spärlichen Aussagen lassen darauf schließen, dass in Moskau Regie geführt wurde – damit der Spionageskandal die amerikanisch-russischen Beziehungen nicht beschädigt.

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