Politik : Spitzenkandidatur: Duales System im "Ländle"

Andreas Böhme

Wie der Mann schon klatscht: immer als Erster, damit es ja nicht an Zwischenapplaus mangelt. Ganz lang und demonstrativ laut, bis zum Schluss. Und erst dieser Blick, so versonnen unter den halb geschlossenen Lidern hervor: Uli Maurer, der Fraktionschef der SPD in Baden-Württemberg, scheint ganz besoffen von der jungen Frau dort oben auf der Bühne. Dabei hat sie ihm erst die Führung der Landespartei aus den Händen genommen, und nun strebt sie auch noch zur Spitzenkandidatur. Gewiss, am liebsten hätte Maurer seine Genossen selbst in die Landtagswahl im kommenden März geführt, selbst den Gegenspieler zum christdemokratischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel gegeben. Bloß: Maurer ist wie Teufel ein Veteran der südwestdeutschen Landespolitik, dort aber ist man der alten Gesichter müde. Auch wenn er im Landtag zu den wenigen zählt, die aus dem Stegreif zu jedwedem Thema eine ordentliche Rede halten können - er kennt seinen Marktwert. Und der sinkt.

Anders bei Ute Vogt, die da oben in der rammelvollen Sindelfinger Stadthalle steht und die sich und ihren Politikstil gut 800 Zuhörern präsentiert. Sie bricht höchstens mal durchs Podest, das dem Persönchen unter die Füße geschoben wurde, weil die Mikrofone sonst wenig kamerawirksam ihr Gesicht verdecken. Ute Vogt ist Maurers Ziehkind, seit ihren Juso-Tagen hat er sie protegiert. "Maurers Mädle" haben sie die 35-Jährige dafür gescholten, als sie im vergangenen Jahr nach dem Landesvorsitz griff. Ihrer Karriere hat die Nähe zum Mentor trotzdem nicht geschadet. Jetzt bewirbt sie sich binnen Jahresfrist zum dritten Mal um ein Spitzenamt. Erst der Landesvorsitz: in Kampfkandidatur gewonnen. Dann der Vorsitz im Innenausschuss des Bundestages: in Kampfkandidatur gewonnen. Warum sollte das mit der Spitzenkandidatur im Ländle nicht auch klappen? Die Juristin aus dem badischen Pforzheim hat bislang noch alles im Sturm erobert, und immer hieß es, sie sei zu jung, zu unerfahren. Und immer hat sie dann gezeigt, dass sie es schafft, sei es als Gemeinderätin, als Anwältin oder Politikerin.

Wer die Südwestgenossen in eine Landtagswahl führen möchte, muss ein wenig selbstquälerisch sein. Auf jeden Fall muss er Frustrationstoleranz beweisen: Noch nie haben die Sozialdemokraten in der 50-jährigen Landesgeschichte von Baden-Württemberg den Regierungschef gestellt. 1996 kam es sogar besonders heftig. Magerste 25 Prozent hatten die Genossen eingefahren, trotz Mitregierungsbonus in einer schwarz-roten Koalition. Dieter Spöri hieß die Führungsfigur damals, ein für schwäbische Verhältnisse frischer, wenngleich menschenscheuer Ökonom, der vier Jahre geschätzter Wirtschaftsminister war - und der dennoch keine Spuren hinterließ. Warum soll sich dieses Blatt ausgerechnet im kommenden Jahr wenden?

Weil die Roten im Südwesten in Aufbruchstimmung sind. Das ist zum Teil selbst verdient, vor allem aber von den Schwarzen mutwillig mitverschuldet. Erwin Teufel scheint im zehnten Amtsjahr vom Glück verlassen. Seine bleiche Ministerriege verpatzt serienweise Chancen: Die Landwirtschaftsministerin, eine Winzerin vom Kaiserstuhl, verprellt die bislang ergebenste Klientel, die Bauern, mit ihrer Tapsigkeit. Der Umweltminister gilt in den eigenen Reihen als industriefeindlicher Faktenhuber; sein Vorgänger musste mitten in der Legislaturperiode den Hut nehmen, weil er aus landeseigenen Unternehmen Spenden an seine Günstlinge verschob. Die Kultusministerin Annette Schavan, immerhin Bundesvize in der CDU, schleust zwar alljährlich Hunderte von neuen, teuren Lehrern ins Schulsystem, bekommt die Klagen dennoch unzufriedener Eltern aber nicht in den Griff. Und ein als Entlastung für Teufel eigens eingestellter Staatsminister belastet ausgerechnet seinen lang gedienten Chef mit einer Debatte über die Altersbegrenzung von Amtsträgern. Teufel scheitert, sogar bei der Wahl der Haarfarbe. Eine Prise zu hennarot, und schon lästerten die Medien über den 60-jährigen Christdemokraten: Jetzt trägt er die Farbe der Opposition.

Ihren Ministerpräsidenten wollen viele nicht mehr sehen. Teufel, nach dem allzu pfiffigen Cleverle Lothar Späth auf lange Jahre der ersehnte Ausbund an bodenständiger Solidität, gilt vermehrt als hausbacken, erstarrt und im Wortsinn taub. Noch kriegt der Regierungschef in Umfragen die besseren Leistungsnoten, aber die Newcomerin Ute Vogt ist ihm dicht auf den Fersen und tönt selbstbewusst: Teufel mache Politik in Wanderstiefeln, wo sie längst Inline-Skater trage.

Der Aufwind für die Sozis, die einer Infratest-Umfrage zufolge in der vergangenen Woche schon bei 31 Prozent lagen, rührt allerdings auch von der ungewohnten Art des Vorwahlkampfs. Denn über Teufels Herausforderer entscheiden die 51 000 SPD-Mitglieder am kommenden Sonntag per Urwahl. Das motiviert die verzagte Basis ungemein. In vier Regionalkonferenzen hat sich ihnen Ute Vogt vorgestellt - samt ihrem Konkurrenten Siegmar Mosdorf. Der 48-jährige Staatssekretär aus dem Bundeswirtschaftsministerium ist aus anderem Holz geschnitzt. Wo Vogt eine direkte, ungekünstelte Sprache liebt, bedient sich Mosdorf des konventionellen, umständlichen, anglophilen Politikerslangs. Wo Vogt mit Kurpfälzer Schnabbelgosch Wärme und Nähe vermittelt, kommt Mosdorfs gepflegtes Hochdeutsch zwar professionell, aber auch kalt daher. Die angeblich seit Geburt immerfort fröhliche Frau Vogt gilt als eine, die die Menschen liebt. Mosdorf hingegen wird als Technokrat respektiert. In Einigkeit mit Teufel propagiert er, einen Schnellbahnhof für fünf Milliarden Mark in den Stuttgarter Untergrund zu betonieren - ein Prestigeprojekt aus dem vergangenen Jahrhundert.

Mosdorfs Regierungserfahrung ist natürlich kein Nachteil: Er beherrscht das Spiel mit ministeriellen Apparaten, das Strippenziehen und Taktieren, er kennt die Fakten. Entsprechend gespalten fühlen sich die Südwest-Genossen. Einerseits haben 13 der 25 SPD-Oberbürgermeister sich vergangene Woche öffentlich hinter Mosdorf gestellt - anderseits haben Vogt-Fans das postwendend als unerwünschte Beeinflussung verteufelt. Einerseits hätten die Sozis mit Mosdorf wieder einen Wirtschaftsmann, und das zählt im Land der Häuslebauer. Einen, der aus seiner IG-Metall-Zeit die Mächtigen kennt bei Daimler, Bosch und Stihl. Andererseits: Schätzen das die Wähler? Und was nützt die Sympathie der Bosse, wenn die letztendlich doch wieder die Schwarzen unterstützen? Einerseits hat Mosdorf Stallgeruch, er diente der SPD neun Jahre als Landesgeschäftsführer in einer, andererseits, gerne verdrängten Phase der Opposition. Einerseits gilt Mosdorf als Trickser, der Vogt nebenbei als "Nachwuchstalent" diffamiert. Aber reicht andererseits deren frischer, unverstellter Blick, trägt die gegenwärtige Hochstimmung, die ihr entgegenschlägt, die ganzen neun Monate bis zur Landtagswahl?

"Ein bisschen Asta-Vorsitzende" sei sie, aber "sympathisch bis zum Overkill", finden die Grünen. Walter Döring, Frontmann bei den Liberalen und sonst nicht eben zimperlich, verspürt eher "Beißhemmung", wenn er auf die freundliche Frau Vogt trifft. Die hingegen "beißt" selber, warnt Herta Däubler-Gmelin aus dem Tübinger Nachbarwahlkreis.

Die Basis würde am liebsten beide wählen, sähe die inhaltlich nicht allzu weit auseinander liegenden Kandidaten später gerne als Duo am Kabinettstisch. Darüber wird leicht vergessen, dass ein Spitzenkandidat mehr sein muss als der Liebling der eigenen Partei, dass er weit über das SPD-Lager hinaus Stimmen wildern kann. Jüngsten Umfragen zufolge hat Vogt in der direkten Konfrontation mit Teufel die Nase weit vor Mosdorf - aber gewinnt auch Wahlen, wer Umfragen gewinnt? Die Medien jedenfalls haben sich entschieden: Vogt kraxelt an der Kletterwand im Landtag, Mosdorf versteigert einen Fußball. Klar, welche Bilder ins Blatt kommen und welche ins Archiv.

Gewonnen hat zunächst aber die Partei. Und der Prinz, der ihrem Dornröschenschlaf ein Ende machte: Landesgeschäftsführer Wolfgang Drexler. Einst unterlag er Ute Vogt im Kampf um den Parteivorsitz, aber das macht ihn nicht automatisch zum Mosdorf-Unterstützer. Drexler ist Parteisoldat. Egal, wer in der Urwahl das Rennen macht, egal auch, dass er sich selbst für den am besten Geeigneten hält: Drexler wird dem Sieger vom kommenden Sonntag bedingungslos einen Wahlkampf schneidern, eine richtige "Kampa", finanziell und organisatorisch unterstützt von der Bundespartei. Schließlich sieht die ganze Republik zu, wenn der Südwesten wählt, es ist der letzte Test vor der Bundestagswahl 2002. Schon jetzt blickt die CDU neidisch auf so viel Professionalität.

Und der alte Fahrensmann Uli Maurer? Der einst so eng war mit Siegmar Mosdorf, dem Patenonkel seiner Tochter? Klatscht er dessen Konkurrentin nur deshalb so heftig zu, weil er hofft, er werde unter Vogt an der Fraktionsspitze bleiben, vielleicht sogar ein Ministeramt bekommen? Dabei weiß die SPD: Jetzt ist Teamspiel gefragt, nicht Menschelei. Denn sollten die Sozis noch mal patzen, wäre die Zeit ihrer Spitzenleute um die 50 endgültig vorbei. Nicht nur für Erwin Teufel ist die nächste Wahl die letzte Wahl.

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