Politik : Spontanes Lob

Robert von Rimscha

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Denken wir zurück an die selige DDR. Wie hätte eine Schlagzeile im „Neuen Deutschland“ von vor 20 Jahren gelautet? „Stoph lobt hervorragende Leistungen Honeckers.“ So, oder so ähnlich. Die DDR hatte es zur Meisterschaft in der Disziplin des politischen Eigenlobs gebracht. Nun sind wir alles andere als die DDR, und so kam Häme auf, als Regierungssprecher Bela Anda jüngst zu verkünden wusste, dass Innenminister Otto Schily die „herausragende Leistung des Bundeskanzlers“ vor dem versammelten Kabinett gelobt habe. Schily findet seinen Chef also „herausragend“. Am Montag nun teilte Schilys Sprecher mit, grundsätzlich gelte für den Innenminister, dass, wenn der etwas sage, „es fix und fertig“ sei. Da hat Schily sich wohl ein wenig von der Schröderschen „Basta“-Mentalität abgeschaut. Nun tastete sich die Bundesregierung, vertreten durch die Sprecher aller Ministerien, am Montag zugleich an die Einsicht heran, bei einem Kabinett handle es sich um eine Art „Gesamtkunstwerk“. Und da stellt sich natürlich die Frage, ob Schröder unter dem Eindruck des anbrechenden Weihnachtsfests seinerseits sein Kabinett loben möchte – etwa als „herausragend“. Also: Alle Minister seien hervorragend, stellte Schröders Sprecher nun fest, alle ohne Ausnahme. Mehr Harmonie unterm Christbaum ist nicht vorstellbar.

Als Schily den Kanzler lobte, wurde dies übrigens von den Kabinettskollegen „positiv aufgenommen“: durch Klopfen auf den Tisch. Inzwischen wissen wir auch, was unsere Regierung von der DDR unterscheidet. Für Schilys Lob gilt nämlich, so der Regierungssprecher: „Es wirkte spontan.“ Und das war Eigenlob in der DDR sicher nicht. Es gibt also Fortschritte.

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