Politik : Sprengstoffattentat auf Korsika: Bombenterror gegen den Friedensprozess

Erich Bonse

Die französische Mittelmeerinsel Korsika kommt nicht zur Ruhe. Kaum zwei Wochen nach dem Abkommen von Matignon, das eine dauerhafte Befriedung Korsikas einleiten sollte, verübten Unbekannte in der Nacht zu Sonntag ein Sprengstoffattentat. Bei der Explosion einer Autobombe in der Nähe von Ajaccio im südlichen Teil Korsikas entstand zwar nur Sachschaden. In der vergangenen Woche war aber bereits der korsische Nationalistenführer Jean-Michel Rossi ermordet worden. In Paris fürchtet man nun ein Wiederaufflammen der Gewalt - und neuen Ärger für Premierminister Lionel Jospin, der den korsischen Friedensprozess zur Chefsache erklärt hatte.

Jospin sei durch das zweite Attentat innerhalb einer Woche "erneut lächerlich gemacht" worden, titelte die Tageszeitung "Le Figaro". Die Konzessionen, die Jospin gegenüber den korsischen Nationalisten gemacht habe, hätten "nicht einmal den zivilen Frieden" gesichert, kritisierte das konservative Blatt. Diese Meinung wird freilich nicht von allen politischen Beobachtern geteilt. Seit Beginn des Friedensprozesses im Dezember 1999 hatten die Waffen immerhin sieben Monate lang geschwiegen. Außerdem wurden die jüngsten Attentate sogar von den korsischen Nationalisten einhellig verurteilt.

Der Anschlag von Ajaccio sei "ein Angriff auf den Friedensprozess", erklärte die Nationalistengruppe Corsica Nazione. Die korsischen Patrioten verurteilten das Attentat "ohne Vorbehalte" und wollten den Dialog mit der Pariser Zentralregierung fortsetzen, hieß es weiter. Ähnlich äußerte sich auch der Präsident des korsischen Regionalparlaments, José Rossi. Der Anschlag sei "sehr ernst", da seine Urheber "offenbar Zweifel und Skepsis" bei den Korsen säen wollten. Dennoch müsse der Friedensprozess unbeirrt weitergehen, betonte Rossi.

Der so genannte "Prozess von Matignon" sieht eine schrittweise Ausweitung der korsischen Selbstverwaltung bis hin zu einer beschränkten Autonomie vor. Am Ende des Friedensprozesses, voraussichtlich im Jahr 2004, soll ein neues Statut stehen, das sogar in der französischen Verfassung verankert werden soll. Voraussetzung einer Verfassungsänderung sei allerdings die dauerhafte Wahrung des "zivilen Friedens", heißt es in der Präambel des Abkommens von Matignon, das im Amtssitz von Premierminister Jospin - dem Pariser Hôtel Matignon - ausgehandelt wurde.

Die Urheber der jüngsten Attentate haben es offenbar darauf abgesehen, den noch fragilen Friedensprozess zu torpedieren. Das Abkommen, das am 28. Juli vom korsischen Regionalparlament gebilligt wurde, ist sowohl in Paris als auch auf Korsika umstritten. Der Pariser Innenminister Jean-Pierre Chevènement weigert sich, den Gesetzentwurf ins französische Parlament einzubringen, da er die Einheit der Republik in Frage gestellt sieht. In einer Aussprache mit Premier Jospin Ende Juli legte Chevènement sogar seinen Rücktritt nahe. Skeptisch äußern sich, folgt man einer neuen Umfrage, auch die Korsen. Nur 47 Prozent der Inselbewohner glauben, dass das Abkommen Korsika einen dauerhaften Frieden bescheren wird, während 51 Prozent Zweifel äußern. Und nur 14 Prozent sprechen sich für eine - bisher nicht geplante, aber von Nationalisten geforderte - Unabhängigkeit Korsikas aus. Die große Mehrheit der Korsen hält also an der Zugehörigkeit zu Frankreich fest.

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