Politik : Spritpreis und Steuer: Billiges Benzin, weg mit der Ökosteuer - das fordern die Trucker

Bernd Matthies

Manche Dinge ändern sich nie. Stehen ein paar Dutzend Lastwagenfahrer beisammen in Deutschland, dauert es meist nur Minuten, bis Gunter Gabriel die Gitarre auspackt und zu einer Hymne auf die ehrlichen, hart malochenden Asphalt-Cowboys anhebt. Am Dienstag vor dem Brandenburger Tor werden es gut tausend gewesen sein; der Sänger hatte also sogar eine Gitarre im staatstragenden Schwarz-Rot-Gold mitgebracht. Doch er versuchte auch gar nicht erst, eine Art Klassenkampfstimmung zu inszenieren, sondern wiegelte in ruhiger Tonlage ab. "Ja, Männer", sagte er, "ich weiß ehrlich auch nicht, was man da machen kann."

Die Veranstalter hatten sich die Kulisse sicher anders vorgestellt. Doch weil die Polizei den Protestkonvoi zur allgemeinen Empörung schon in Höhe der Entlastungsstraße gestoppt und nur eine Handvoll Trucks und Busse durchgelassen hatte, fehlte es sehr an Nachdruck. Zweitausend Lastwagen sind eine Menge, die Fahrer von zweitausend Lastwagen dagegen nur ein kleines Häuflein, zumal am großen Brandenburger Tor. Die Stimmung blieb also friedlich bis lethargisch, und nicht einmal die unvermeidlichen Trittbrettfahrer, von den Republikanern bis zu irgendwelchen spätmarxistischen Sekten, konnten Aufregung stiften. Wo, bitte, ist der Wagen, an dem die Fresspakete verteilt werden?

Nur am Rande wurde es manchmal etwas hitzig, wenn Passanten mit Funktionären zu diskutieren versuchten. "Wir sind doch alle für den Umweltschutz", sagte dann einer, der ein scharf formuliertes Transparent in die Höhe hielt, "aber wir sehen nicht ein, dass wir die Leidtragenden sein sollen". Damit wäre das Grundproblem der ganzen Veranstaltung beschrieben. Der Feind, so ist das nun einmal, wird grundsätzlich und ohne wesentliche Differenzierung bei jenen gesucht, die die Preise in die Höhe treiben, und weil die Scheichs und Multis nicht in Reichweite sind, geht es gegen Schröder und Trittin, der auch mal als "Tretin" angesprochen wurde. Auf den Plakaten formulierte man in unterschiedlichem Schlichtheitsgrad "Billiges Benzin", "Weg mit der Ökosteuer" oder "Sind Holzmänner mehr wert als Fuhrmänner?" Andere fielen verbal über den Lieblingsgegner der Trucker, die Bahn, her und unkten "Milliarden für die Bahn, Sozialhilfe für uns". Den höheren Funktionären ist die Komplexität des Problems offenbar gut bekannt. Hermann Grewer, der Präsident des Bundesverbandes Güterkraftverkehr, möchte mit der Politik offenbar im Gespräch bleiben; er versagte sich deshalb allzu billige Polemik und hielt eine abgewogene Rede gegen Lohndumping und die nationalistische Subventionslust der Nachbarländer, kam freilich am Grundwiderspruch auch nicht vorbei: Was die Trucker jetzt und sofort fordern, sind ebenfalls Subventionen, auch wenn sie sich hinter dem Begriff der "Angleichung an das Niveau der anderen EU-Länder" notdürftig verbergen. Ob Grevens Warnungen vor dem Kauf immer neuer, zusätzlicher Lastwagen und der willigen Unterwerfung unter das Preisdiktat der Auftraggeber hier auf wirklich fruchtbaren Boden fielen?

Nachdem auch ein Sprecher der Busunternehmer seinen Protest formuliert hatte, war Schluss. Das heißt: Es hätte Schluss sein sollen, aber der aufgestaute Zorn drängte auf Abfuhr. Einer enterte den zur Bühne umgebauten Lastzug und verkündete den Marsch auf den Reichstag, der Fahrer ließ die Hupe aufbrüllen, und einige hundert Mann setzten sich in Bewegung. Ihr Ruf "Wir sind das Volk!" erschütterte die Volksvertreter freilich nur mäßig. In protokollarisch feinsinniger Abstufung erschien Bundestagsvizepräsidentin Anke Fuchs, nachdem Präsident Thierse zuvor bereits eine offizielle Delegation der Demonstranten am Eingang empfangen hatte. Sie griff sich routiniert ein Megafon und redete ein wenig auf die Trucker ein, die sich bald wieder beruhigten und den Sturm auf den Reichstag abbliesen. Eine Delegation von sechs Mann wurde eingelassen. Die anderen machten sich missmutig auf den Heimweg.

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