Politik : Spurt zum Kanzler

Robert von Rimscha

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Was ist jetzt nicht schon alles geschrieben worden über die historische Stunde im Bundestag, Freitag um 9 Uhr morgens. Völlig ausgeblendet werden angesichts der Dimension der Kanzler-Rede die dramatischen Minuten zwischen 8 Uhr 50 und 9 Uhr. Nehmen wir den Abgeordneten Karl-Josef Laumann. Der westfälische Maschinenschlosser ist Parlamentarier der CDU und wohnt, wie dies die meisten Abgeordneten tun, während einer Sitzungswoche in Berlin. Am Freitag war er etwas spät dran. Zehn Minuten vor neun konnte man ihm beim Versuch zusehen, an der Kreuzung Alt-Moabit, Ecke Rathenower Straße ein Taxi zu bekommen, auf dass er rechtzeitig beim Kanzler sein würde. Doch die Taxen dort sind meist mit Passagieren besetzt, die gerade dem Flugzeug entstiegen sind, und so wurde Laumann ein wenig unruhig und dann auch aufgeregt. Jedenfalls melden unsere Gewährsleute, sie hätten ihn gesichtet, wie er auf die Fahrbahn spurtete, mit der flachen Hand gegen ein Großraumtaxi hieb und doch wieder unverrichteter Dinge zurück aufs Trottoir abziehen musste. Laumann warf dann einen Blick auf den Fahrplan des notorisch unzuverlässigen TXL-Busses und beschloss, hinüber zum Reichstag zu gehen. Naja, gegangen ist er nicht gerade. Unsere Gewährsleute hatten das Glück, an der nämlichen Kreuzung wenige Minuten später den TXL-Bus zu besteigen. Um 8 Uhr 59 passierten sie Laumann. Er hatte gerade das Restaurant „Paris-Moskau“ passiert und strebte nun dem Kanzleramt zu. Ein Politiker in Nöten, mit weit ausholendem Schritt und leicht vornüber gebeugt der Reform-Rede entgegenstrebend. Verärgert, verzweifelt und neidisch soll er dem Bus hinterhergeblickt haben.

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