Sri Lanka : Der Krieg wird zum Geiseldrama

Die Rebellen in Sri Lanka halten 100.000 Zivilisten gefangen. Die Angst vor einem Gemetzel ist groß.

Christine Möllhoff

Neu-Delhi - Die Bilder scheinen unfassbar. Zusammengetrieben stehen Tausende Menschen dichtgedrängt in der prallen Sonne, bewacht von LTTE-Kämpfern mit Gewehren. Die Endkampf zwischen Sri Lankas Militär und den Tamilen-Rebellen der LTTE gerät zu einem Geiseldrama. Guerillaboss Velupillai Prabhakaran und seine Kämpfer halten Tausende von Landsleuten gefangen, um sie als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen – daran lassen Luftbilder kaum noch Zweifel. Die Angst wächst, dass der 54-Jährige entschlossen ist, lieber sein Volk auf die Schlachtbank zu führen als zu kapitulieren.

Der UN-Weltsicherheitsrat forderte Prabahkaran auf, sich zu ergeben und die Geiseln frei zu lassen. Die LTTE reagierte zunächst nicht darauf. Die Rebellen kämpfen längst auf verlorenem Posten. Nur noch zwölf Quadratkilometer groß ist der schmale Küstenstreifen im Nordosten der Insel, auf dem das Militär die LTTE und ihre Geiseln eingekesselt hat. Es ist aber nicht einmal sicher, ob Prabhakaran noch dort ist, oder ob er aus der Ferne das blutige Drama steuert.

Sri Lankas Regierung sieht sich vor einem tödlichen Dilemma: Schlägt das Militär zu, würden tausende Unschuldige sterben. Ein solches Gemetzel unter Palmen könnte einen neuen Aufstand der tamilischen Minderheit entfachen. Wartet das Militär ab, droht ein tagelanger Nervenkrieg. Vor den Augen der Welt dürften die entkräfteten Menschen in der brennenden Sonne verdursten und verhungern. Die LTTE-Kämpfer werden das knappe Wasser und die Nahrung wohl unter sich aufteilen.

Die Vereinten Nationan appellieren an beide Seiten, die Kämpfe einzustellen und die Zivilisten aus der Kampfzone zu evakuieren. Unterdessen wächst auch die Sorge um die 100 000 Tamilen, die aus dem umkämpften Gebiet fliehen konnten, nachdem das Militär ihnen am Montag einen Fluchtweg freigesprengt hatte. Die UN forderten die Regierung auf, umgehend Helfer zu ihnen in die Kampfzone zu lassen. Die singhalesische Regierung verweigert dies bisher.

Unter Prabhakaran kämpft die LTTE seit 26 Jahren für einen eigenen Staat der tamilischen Minderheit. Alle Versuche, den Konflikt friedlich zu lösen, scheiterten. Die Regierung von Präsident Mahinda Rajapakse, einem singhalesichen Nationalisten, begann 2007 einen massiven Feldzug. LTTE-Gründer Prabhakaran gilt als einer ruchlosesten Guerillachefs der Welt. In den LTTE- Gebieten regierte er als uneingeschränkter Herrscher, ließ Gegner gnadenlos ausschalten und Kindersoldaten rekrutieren. Christine Möllhoff

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