Politik : STAATENLOS

Kaan Prakash zeigt auf den Strand, da fotografieren Touristen das leuchtende Farbenspiel des Sonnenuntergangs. „Dort hinten lag der Picknickplatz meiner Familie.“ Jetzt schwappt dort Salzwasser, die Wiese unter Palmen ist geflutet. Den Sand hat das Meer nicht an einen anderen Strandabschnitt gespült. Hier auf Fidschi steigt der Meeresspiegel jedes Jahr um sechs Zentimeter und schluckt die Welt. Unzählige Inseln der 22 Staaten und Territorien Ozeaniens ragen nur ein paar Zentimeter, höchstens ein paar Meter aus dem Meer.

Wissenschaftler warnen, dass trotz der Finanz- und Wirtschaftskrise weltweit sogar mehr Kohlendioxid ausgestoßen wird, so dass bis 2100 die globale Durchschnittstemperatur um sechs Grad höher als zu Beginn der Industrialisierung liegen könnte. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will wie die Vereinten Nationen, dass die Welt die Zwei-Grad-Marke nicht überschreitet. Doch schon bei zwei Grad sollen die Ozeane nach Prognosen des Weltklimarates (IPCC) weltweit um einen Meter ansteigen. Liegt die Erwärmung bei vier Grad, wären es 1,20 Meter, „bei sechs Grad gehen wir von 1,40 Meter aus“ , sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Er verfolgt die Lage in der 22 000 Kilometer entfernten Südsee auf seinem Computerbildschirm.

Das Wasser steigt derzeit noch nicht, weil das Eis der Pole schmilzt. Sondern wegen der Gesetze der Physik: Was wärmer wird, dehnt sich aus. Stoppen kann das Meer nichts und niemand. Keine Barriere, kein Deich, keine Pumpen, keine Aufschüttung. Das Salzwasser kriecht unbarmherzig heran, es dringt in die Süßwasserblasen ein und macht das Trinkwasser ungenießbar. So ist der Atoll-Inselstaat Tuvalu zunehmend von Regenfällen abhängig – doch weil die wegen des Wetterphänomens La Niña ausgeblieben sind, hat Tuvalu dieses Jahr den Trinkwasser-Notstand ausgerufen. Bis Dezember war kein Regen in Sicht. Eine paradoxe Situation: kein Wasser von oben, aber von unten.

Auf Fidschi ist der Meeresspiegel vor dem Dörfchen Wainitoguru im Süden der Hauptinsel Viti Levu derart gestiegen, dass Häuser, Gärten und Grabsteine schon weggeschwemmt sind. Die Erde ist dort stabil, sie sinkt nicht ab, anders als unter der Nachbarinsel Tonga, wie das Geoforschungszentrum Potsdam bestätigt. Klimaforscher haben die Bewegungen der Ozeane in Langzeitstudien gemessen. Sie haben zwischen 1961 und 2003 Messpegel in den Häfen der Welt verglichen, da stieg das Meer 1,6 Millimeter jedes Jahr. Doch das Wasser steigt immer schneller. Internationale Satellitenradare haben von 2003 bis 2008 die Meeresoberfläche auf dem Globus gemessen und mit einberechnet, dass der Meeresboden sich wegen der Bewegungen im Erdinnern unterschiedlich senkt oder hebt. Trotzdem kam man auf 2,5 Millimeter mehr jedes Jahr, sagt Maik Thomas vom Geoforschungszentrum Potsdam.

Vor allem Kohlendioxid aus Autos, Flugzeugen, Frachtschiffen, Kraftwerken und Treibhausgase aus der Landwirtschaft in Industrienationen weit weg von der Südsee erhitzen die Atmosphäre. Dabei nehmen die Weltmeere 80 Prozent des Kohlendioxids auf, sagt Felix Ries von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Der Bremer arbeitet in der fidschianischen Hauptstadt Suva. „Die Regierungen der Welt schauen genau auf das, was sich im Südpazifik tut, denn in wenigen Jahrzehnten könnte sich Ähnliches in den mit Millionen Menschen bevölkerten Küstennationen Asiens abspielen“, sagt der frühere GIZ-Programmdirektor Hermann Fickinger. Viele Metropolen der Welt liegen am Meer: New York, Sydney, Kalkutta. Selbst im kalten Nordatlantik stieg der Meeresspiegel Messungen des Alfred-Wegener-Instituts zufolge in den vergangenen 15 Jahren um sechs Zentimeter.

Die GIZ-Mitarbeiter bemühen sich auf Fidschi um Schadensbegrenzung. „Pacific-German Regional Programme on Adaption to Climate Change“, Anpassung an den Klimawandel, steht auf ihrem Schild. Die Experten beraten die Menschen auf den Nachbarinseln Vanuatu und Tonga, wie sie die Regenwälder nachhaltig bewirtschaften und als Kohlendioxid-Speicher erhalten können. Zudem unterstützen sie die Regierung Fidschis dabei, dass sich das kleine Land im Weltgetöse Gehör verschaffen kann.

Der Fidschianer Kaan Prakash hat sich mit seiner Familie einen anderen Picknickplatz gesucht. Der Mann hat Glück, Fischis Hauptinsel Viti Levu ist bergig. Doch auf all den flachen Urlauberatollen der westlich gelegenen Mamanucas und Yasawas werden Touristen aller Wahrscheinlichkeit nach schon in wenigen Jahren keine Sonnenuntergänge mehr fotografieren können. kög

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