Politik : Staatsbesuch: Der zweite Tag des iranischen Präsidenten in Berlin

Andrea Nüsse

Beim Eintrag in das Goldene Buch zögert der iranische Präsident Mohammed Chatami kurz und wendet sich fragend an seine Delegation. Ein kurzer Wortwechsel folgt, dann Gelächter. Geht es darum, wie man den Namen des Präsidenten aus dem Persischen richtig transkribiert? Während die Deutschen ihn meistens, auch in den offiziellen Dokumenten, Chatami schreiben, unterzeichnete er selbst am Vortag vor laufenden Kameras mit Khatami, der im Englischen üblichen Transkription. Nein, es geht um das Datum. Der 11. Juli 2000 ist nach iranischem Kalender der 21. Tir 1379, da war sich der iranische Präsident bei dem vollgepackten Besuchsprogramm wohl nicht mehr so sicher. Aber im Sinne des Dialogs der Zivilisationen, der Chatami so am Herzen liegt, schreibt er beide Daten gleichberechtigt nebeneinander in das Buch.

Um Weltgeschichte und Errungenschaften der Zivilisation ging es denn auch in der Rede Chatamis. Berlin sei nicht nur der Name eines Ortes, sondern symbolisiere Erfolge und Schicksalsschläge in der Weltgeschichte. Auch der iranischen Geschichte, könnte man hinzufügen, trug doch das Debakel des Schah-Besuchs in der Stadt im Juni 1967 zumindest zu seinem späteren Sturz bei. Diesen letzten Besuch eines iranischen Staatsoberhauptes in Berlin erwähnt jedoch Chatami ebenso wenig wie der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU). Als Reza Pahlevi damals von Heinrich Albertz (SPD) im Schöneberger Rathaus empfangen wurde, tobten draußen trotz großen Polizeiaufgebots Schlachten zwischen Demonstranten und Schah-Anhängern. Der von etwa 80 Prozent der Iraner gewählte Präsident der Islamischen Republik, die der Monarchie folgte, genießt 33 Jahre später noch stärkere Sicherheitsvorkehrungen: Er kommt gar nicht in Kontakt mit seinen politischen Gegnern, die Straßen um das Rathaus sind hermetisch abgeriegelt, der Präsident landet mit einem Hubschrauber direkt vor dem Eingang des Rathauses. Doch Chatami sucht den Kontakt: Er will allen Völkern, die sich für Freiheit und Volkssouveränität einsetzen, die Hand reichen.

Während der Rede seines Gastgebers hält Chatami die Hände, jeweils mit einem großen Ring bestückt, über dem eleganten beigefarbenen Gewand verschränkt. Und hört sich milde lächelnd eine Rede an, in der Diepgen zumindest indirekt die Achtung von Anderdenkenden fordert: Er singt ein Loblied auf das "weltoffene", wieder vereinigte Berlin. In dieser Stadt, die unter dem Wettstreit von Ideologien so sehr wie keine andere gelitten habe, wisse man, wie wichtig der Dialog sei. Wenn hier der Modernisierungsprozess nach dem Mauerfall "fast ohne soziale Verwerfungen" gemeistert worden sei, liege das vielleicht auch an den Toleranzedikten des Großen Kurfürsten und dem Motto Friedrichs II.: Jeder solle nach seiner Façon glücklich werden. So sei auch zu erklären, dass sich auch 200 000 Muslime in Berlin zu Hause fühlten.

Beim Essen demonstriert der Bürgermeister dann diese Toleranz gegenüber der anderen Kultur: Zum Seeteufelmedaillon mit gebratenen Scampi und grünem Spargel gibt es Apfelsaft und Mineralwasser. Als in dem riesigen Saal dann 81 Männer und zwei Frauen tafeln, kommt kurzzeitig der Verdacht auf, von deutscher Seite seien womöglich absichtlich keine Frauen eingeladen worden. Nein, heißt es beim Protokoll, so weit würde man sich fremden Sitten nie anpassen.

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