Politik : Staatslied der Sowjetunion: Premiere für Russlands neue alte Hymne

Elke Windisch

Ungeschriebene Gesetze regeln seit Generationen den Ablauf der Neujahrsnacht in Moskauer Familien. Gegen zehn Uhr setzt man sich an den festlich gedeckten Tisch. Danach raffen sich die meisten zu einer Fahrt auf den Roten Platz auf, wo kurz vor Mitternacht eine allgemeine Verbrüderung mit viel Sekt anhebt. Diesmal war das Areal allerdings schon zwei Stunden vorher wegen Überfüllung abgesperrt. Auf dem Roten Platz war eine Riesenleinwand für die Übertragung der Neujahrsansprache von Wladimir Putin aufgestellt worden.

Russlands neuer Präsident präsentierte sich als Hauptfigur eines Wintermärchens: vor dem Hintergrund schneebedeckter Tannen und vergoldeter Kirchenkuppeln auf dem Kremlgelände. Barhäuptig, denn gleich nach dem Mitternachtsgeläut erklang erstmalig die alte neue Nationalhymne - das Staatslied der Sowjetunion, für das der nunmehr 87-jährige Hofpoet Sergej Michalkow, der schon Stalin und Breschnew bedient hatte, Mitte Dezember seinen dritten Text ablieferte. Zu dessen Aufführung bevölkerten Heerscharen von Orchestermusikern und Chorsängern die Leinwand.

Die Hymne soll die tief gespaltene Nation konsolidieren, doch das Werk ist umstritten. Zu der berühmten Melodie von Alexander Alexandrow dichtete Michalkow einst für Stalin: "Durch Sturmwolken bricht sich die Sonne der Freiheit Bahn; Auf dem Weg, den der große Lenin uns wies. Treue zum Volke hat Stalin uns vorgelebt. Zu Arbeit und Heldentum uns inspiriert. Unsere Armee wurde in Stahlgewittern geboren."

Nach dem Ende der Stalin-Ära wurde bis 1977 nur die damals erste unverfängliche Strophe gesungen, die vom unzerstörbaren Bruderbund der freien Republiken handelte, Dann forderte Breschnew von Michalkow Nachbesserungen, deren Refrain sich fortan so las: "Bedecke dich mit Ruhm, du unser freies Vaterland! Die Freundschaft der Völker ist dein sicherer Hort. Lenins Partei ist die Kraft des Volkes; sie führt uns voran zum Triumph des Kommunismus."

Überlebt hat in der Ära Putin nur die erste Zeile. Den Rest passte der Wendehals Michalkow erneut den Erfordernissen der Tageskonjunktur an: "Bedecke dich mit Ruhm, du unser freies Vaterland, ewige Union der Brudervölker, von den Ahnen übermittelte Volksweisheit. Bedecke dich mit Ruhm, Heimat. Wir sind stolz auf dich, " heißt es jetzt. Und statt auf Lenin und Stalin beruft sich der einstmals bekennende Atheist Michalkow nun auf Gott, der seine Hand über Mütterchen Russland halten soll.

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