Politik : Staatstragend und nachtragend

THOMAS KRÖTER

Sitzen.Schweigen.Schauen.Mal nach vorn, mal schräg in den Saal, mal in jenes Nichts, das nach Innen führt.

Johannes Rau in der Zwischenwelt.Gewählt, aber noch nicht im Amt.Gelegentlich kaut er an seinem Brillenbügel, ein kurzes Klopfen der rechten Hand läßt sich als Zeichen von Ungeduld interpretieren.Der künftige Vorgänger steht einige Meter entfernt am Rednerpult im Plenarsaal des Bundestages und spricht, nein hält eine Rede."Meine Damen und Herrn, ich bin gleich fertig", weicht Roman Herzog vom vorbereiteten Text ab.

Für diesen Schlußmoment mündet die Rede zum 50.Jahrestag des Grundgesetzes in ein persönliches Abschiedswort."Sie können sich schon mal zurechtmachen." Ein Schlußschuß der für ihn so typischen Ironie.Ein paar Sätze später erhebt sich das Heer der bundesrepublikanischen Ehrengäste, Helmut Kohl, der seinen unfreiwilligen Abschied schon hinter sich hat, an der Spitze.Es dauert eine Weile, bis Johannes Rau der Bewegung sich anschließt.Dafür hat er längst aufgehört zu klatschen, als der Beifall im Saale sich legt.

Zwischenzeit; zurechtgemacht für das erste Amt im Staate, aber zum Warten verurteilt.Etliche gehen jetzt nach vorn, um Herzog die Hand zu schütteln.Rau ist in dieser Reihe nicht zu finden.Der Nachfolger und sein Vorgänger - wieviel mehr trennt sie als nur ein paar Meter.

Fünf schrecklich lange Jahre und eine bittere Niederlage.Gerhard Schröder blieb es vorbehalten, mit herzogscher Unverkrampftheit daran zu erinnern.Im dreieckigen Lichthof der SPD-Zentrale brodelt am Abend des Präsidenten-Wahltages weinselig und niegemütlich so etwas wie Siegesstimmung.Wo zuvor eine tiefdekolierte Sängerin swingende Standards ins Mikrophon gehaucht hatte, stehen sie nun im Jubel der Genossen: Der Wahlsieger vom letzten September und der Wahlsieger von diesem Pfingstsonntag.

"Unter den beinahe segnenden Händen" (Schröder) der Statue des Parteipatriarchen Willy Brandt spricht der Kanzler, hier in der noch kaum geübten Rolle des SPD-Vorsitzenden, die Niederlage vor fünf Jahren an, als die Regierungsbeteiligung eine zu große Hürde war, als daß die Liberalen über sie hätten springen und den Sozialdemokraten Rau wählen können.Dessen Traum, seinem politischen Mentor, dem Großvater seiner Frau, dem Mann, dessen Ehering er trägt, kurz: Gustav Heinemann an die Spitze des Staates zu folgen - damals war er nicht zu verwirklichen.

Es gehe nicht nur um "Personen und ihre Lebensträume", sagt Schröder und setzt, die gelinde Provokation scherzhaft abmildernd hinzu: "Uns werden ja welche nachgesagt." Rau, der nun, der endlich gewählte, hat stets bestritten, Staatsoberhaupt zu werden, sei sein Lebensziel gewesen.Er sei halt gefragt worden, lautet seine persönliche Legende.Aber wenn es kein Traum war, warum war der Schmerz des Erwachens in der Niederlage damals so groß? Warum die kaum übersehbare Distanz zu dem, der sie ihm beigebracht hat? Und nicht einfach Distanz; Johannes Rau, der sprichwörtliche Versöhner, sucht, ehe das Präsidentenamt die Lippen zum Streit mit dem Vorgänger verschließen muß, schnell noch einmal die Auseinandersetzung.

Er tut dies sogleich - implizit, unter zartem Sprachschmelz verborgen - in den ersten Dankesworten nach seiner Wahl im Reichstagsgebäude.Wohl vorbereitet ist das Statement; ein gedrucktes Manuskript hat er mitgebracht, ganz anders als der knittrige handbschriebene Zettel, den Roman Herzog für Jahre zuvor zwischen den Fingern knetete.Ein Wort an die Ausländer in Deutschland hatten die liberalen bis linksliberalen Kommentatoren damals sehr vermißt; Johannes Rau sagt es gleich in der Anrede, daß er sich auch an all jene Menschen wendet, "die ohne einen deutschen Paß bei uns leben und arbeiten".

Eine Antwort auf die Vergangenheit ist das, aber auch auf die knapp zurückliegende Gegenwart, da die Partei des künftigen Präsidenten und ihr grüner Koalitionspartner eine herbe Niederlage einstecken mußten, bei ihrem Projekt, generell die doppelte Staatsbürgerschaft zu ermöglichen.

Roland Koch, der junge hessische Ministerpräsident, der diesem Streit sein Amt zu verdanken hat, rührt souverän die Hande zum Applaus.CDU-Chef Wolfgang Schäuble läßt sie, die Ellbogen auf dem Tisch, in Aufmerksamkeitspose vor dem Gesicht verschränk.CSU-Chef Edmund Stoiber verriegelt die Arme in Abwehrhaltung vor dem Körper.Johannes Rau, der mit dem Slogan "Versöhnen statt spalten" einmal, 1987, grandios eine Bundeswahl vergeigte - in der Übergangsperiode zwischen Wahl und Amtsantritt ist er noch Kombattant im innenpolitischen Getümmel; weil die anderen ihn noch nicht in die staatsoberhäuptliche Neutralität entlassen wollen, aber wohl auch aus eigenem Antrieb, also: aus Kränkung und Kalkül zugleich.

Zumal von Herzog, dem Vorgänger, kann er nicht lassen.Schon im Kandidaten-Interview des "Spiegel" vor dem Berliner Wahlgang, hatte er Herzogs präsidentielle Überparteilichkeit in Zweifel gezogen.Dessen berühmte Ruck-Rede, so Rau, sei "keine Distanzierung von der Kohl-Regierung, sondern eine Variante" gewesen.Anders als Richard von Weizsäcker sei er nicht "in Distanz zum Kanzler und zur Union" getreten.Während er es nach seiner Wahl im Reichstag einfach demonstrativ anders macht als der Vorgänger, legt er anschließend in der Freudenstunde unter den Genossen mit direkten Worten nach: Unverkrampft - jenes Wort, mit dem Herzog soviel Aufsehen und Widerspruch erregt hatte, Rau nimmt es noch einmal auf.Als unverkrampft könne er sein Verhältnis zu Deutschland nicht beschreiben, dafür spricht er von einem "Stück Vaterlandsliebe".

Da bricht mehr sich Bahn als vielleicht ein Stück kurzen Beleidigtseins.Johannes Rau schildert mit wenigen bewegten Worten seinen Werdegang, seine "politische Erweckung" Anfang der 50er Jahre.Damals hatten Gustav Heinemann und seine Freunde die CDU verlassen, weil sie fanden, daß Konrad Adenauers Politik der unbedingten Westintegration nicht zur Wiedervereinigung führen würde, sondern geradewegs von ihr Weg, die Spaltung vertiefend.Da schwingt in den Worten der Erinnerung auch der kollektive Frust der Sozialdemokratie über ihren von den Konservativen jahrzehntelang beförderten Ruf als "vaterlandslose Gesellen mit".Da setzt sich Johannes Rau auch mit dem in der Publizistik geäußerten Vorwurf auseinander, er sei zu sehr eine Inkarnation der alten Bundesrepublik, um zur Integration der Menschen in Ostdeutschland zu taugen.Ein "paar Hühnchen", sagte er, habe er mit den Journalisten zu rupfen.Locker, unbedingt gelassen soll das klingen, aber es tönt recht weit entfernt davon.

Unter seiner freundlichen Jovialität, unter dem Berg von Anekdoten und der Flut vonBibelzitaten, aus dem er für jede Gelegenheit ein passendes Exemplar zu fischen versteht, bewahrt der künftige Bundespräsident seine Erinnerungen.Die guten, vor allem aber auch die schlechten.Sein phänomenales Gedächtnis läßt ihn Helmut Kohl, dem großen nachtragenden Staatsragenden im anderen politischen Lager ähneln.

Das muß bewundern, wer einmal erlebt hat, wie Rau sich mit Datum und Uhrzeit der Gespräche zu erinnern weiß, die geführt wurden, als es um seine erneute Kandidatur für das Präsidentenamt und seinen Abschied von der Spitze der nordrhein-westfälischen Landesregierung ging.Aufs Blut erbittert ihn die verbreitete Darstellung, da habe es einen "Deal" gegeben.Seine Freundschaft mit dem so viel doch auch nicht jüngeren "Ziehsohn" Wolfgang Clement wäre beinahe dabei draufgegangen.Der wollte endlich Ministerpräsident werden; doch Johannes Rau hatte genauere Festlegungen für den Zeitpunkt des Amtswechsels vermieden.Schließlich ging er doch, und einige Zeit später war er Kandidat.Wolfgang Clement hatte seinerzeit die eigene Ungeduld immer notdürftiger verborgen, hatte am Ende keinen Hehl mehr daraus gemacht, daß er Rau aus dem Amt hinauskomplimentieren möchte.

Johannes Rau sagt kein Wort davon.Aber in der Abschiedsrede des Sozialdemokraten an die Genossen kommt eine Geschichte vor, die nicht bloß der bibelkundige durchaus als Gleichnis werten darf.Bei seinem letzten Besuch, berichtet er, habe Gustav Heinemann ihn gefragt, was sein politisches Ziel sei.Nordrhein-westfälischer Ministerpräsident werden, habe er gesagt.Das sei schlecht, habe die Antwort gelautet, das wolle der Diether Posser auch, ebenfalls ein alter gefährte aus der Riege, die gemeinsam aus der Gesamtdeutschen Volkspartei in die SPD gekommen waren.Rau setzte sich damals in einer Kampfabstimmung durch.Politik spaltet die Menschen.Auch Versöhner sind nicht frei davon.Der protokollarische Zufall will es, daß Rau und Clement beim Staatsakt, der Roman Herzog das Podium zur letzten großen Rede bietet, nebeneinander zu sitzen kommen.Unbewegter Miene hocken sie da, die meiste Zeit kein Wort aneinander richtend, als wären sie einander noch nie im Leben begegnet; nein, eher wie ein Ehepaar, das zu lange widerwillig miteinander verbracht hat.

Derlei schmerzt, muß schmerzen, gerade den sprichwörtlichen "Menschenfischer", den "Bruder" Johannes, den Zusammenführer.Vielleicht liegt hier der Grund, warum es dem Nachfolger so an Souveränität im Umgang mit seinem Vorgänger mangelt.Denn es ist ja der Mann da vorn, der gerade seine letzte Rede als Präsident hält, dem er all dies, zumindest einen Teil dessen zu verdanken hat.Wäre Herzog vor fünf Jahren nicht, sondern schon damals Johannes Rau gewählt worden, dann stünde er jetzt bereits dort vorn und könnte anschließend entspannt mit seinem Nachfolger im Amt des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten plaudern.Hätte, wäre...- kann er aber nicht.Er muß da sitzen neben Wolfgang Clement und zuhören, in den Saal oder sonstwohin schauen, die Hände im Zaum halten; am wenigsten gelingt ihm die Kontrolle der Kinnpartie.Schmal ist der Mund zusammengepreßt.So sieht keiner aus, der in gelassener Freude die paar Wochen abwartet, bis ihm Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in Bonn der Amtseid abnimmt.

Was er denkt ihn diesen Momenten öffentlich ausgestellten Schweigens, läßt sich nur erahnen.Vielleicht wird er einen Teil davon einmal preisgeben, wenn er sein Gedächtnis zu Memoiren sich materialisieren läßt.In seiner Freudesrede an die Genossen, die ihm zur persönlich-historisch Bilanz in der Nußschale gerät, weist er weit über die persönliche Perspektive hinaus, macht die Genossen - und damit wohl auch sich selbst - auf ihre Verantwortung aufmerksam: "Ob das eine Episode bleibt", sagt er, und meint die rot-grüne Regierungszeit, "oder eine Epoche wird", das hänge nicht von der Opposition ab, nicht von den Publizisten, sondern davon, "ob wir handeln".Riesenjubel für das historische Vermächtnis des Parteisoldaten Johannes Rau, der nun in eine andere Sphäre wechselt.

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