Staatszugehörigkeit : Es kann nur eine geben

Für die ersten Jugendlichen mit zwei Pässen wird es ernst – sie müssen sich entscheiden, welche Staatsangehörigkeit sie behalten. Keine leichte Aufgabe.

Katja Reimann
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Deutsch oder türkisch? Wer mit der Entscheidung zu lange wartet, dem droht der Verlust des deutschen Passes. -Foto: dpa

BerlinÜber die Sache mit dem Pass hat Alper Korkut schon mit seinem Vater geredet. „Wenn du schlau bist“, sagte der, „dann nimmst du den deutschen.“ Alper ist 18 Jahre alt und zurzeit im Besitz von zwei Pässen, dem türkischen und dem deutschen. Dass er sich nun für einen entscheiden muss, kommt ihm komisch vor. Seine Eltern sind Türken, aber er ist in Berlin aufgewachsen, wo er die 12. Klasse eines Charlottenburger Gymnasiums besucht. Da wäre es praktischer, beide Pässe zu behalten, findet er. Doch das Staatsangehörigkeitsgesetz sieht das nicht vor.

Im Jahr 2000 reformiert, enthält das Gesetz die sogenannte Optionsregelung. Eine Kompromisslösung, die entstand, weil sich die Koalitionspartner von SPD und Grünen mit ihrer Forderung nach doppelter Staatsbürgerschaft damals nicht gegen die Union durchsetzen konnten. Nach dieser Regel wird seit dem Jahr 2000 ein Kind ausländischer Eltern bei der Geburt in Deutschland automatisch Deutscher, wenn ein Elternteil zu diesem Zeitpunkt seit acht Jahren seinen rechtmäßigen Aufenthalt in Deutschland hat und eine Niederlassungserlaubnis besitzt. Rückwirkend gilt dieses Optionsmodell auch für Jugendliche ab dem Jahrgang 1990, also auch für Alper Korkut. Genau wie er müssen sich zwischen dem 18. und 23. Lebensjahr alle Optionskinder entscheiden, ob sie lieber Deutsche bleiben oder die andere Staatsangehörigkeit vorziehen möchten. Kommt ein Brief vom Meldeamt, dann wird es ernst.

Im Jahr 2008 erhielten deutschlandweit die ersten rund 3300 Jugendlichen Post, dieses Jahr sind es noch einmal 3800. Bei den Berliner Bürgerämtern melden sich bisher nur wenige Optionskinder. „Es läuft ziemlich zögerlich an“, sagt Gisela Kapuczinski von der Staatsangehörigkeitsbehörde im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg. 43 Jugendliche hat ihr Amt im Jahr 2008 angeschrieben, doch nur wenige meldeten sich zurück. Unter denen hätten sich bislang alle für einen deutschen Pass entschieden, sagt Kapuczinski. In Tempelhof-Schöneberg sind seit 2008 49 Optionskinder angeschrieben worden, 22 haben seitdem geantwortet und sich alle für die deutsche Staatsangehörigkeit entschieden. Im Bezirk Neukölln haben im vergangenen halben Jahr acht Jugendliche den deutschen Pass gewählt. Laut Bundesinnenministerium müssen sich bis 2018 fast 50 000 Jugendliche entscheiden, bis 2025 sind es rund 320 000.

Darüber reden wollen viele lieber nicht. „Die Entscheidung für einen Pass ist sehr mit Emotionen besetzt“, erklärt Hülya Dursun, Sozialarbeiterin im Neuköllner Mädchen-Jugendtreff Szenenwechsel. „Die Jugendlichen haben Angst, dass sie mit ihrem Pass auch ein Stück ihrer kulturellen Identität verlieren“, sagt sie. Zum Teil gingen sie auch, ähnlich wie ihre Eltern, davon aus, dass sie irgendwann in die Türkei zurückkehren würden. Außerdem sei es in dem Alter ohnehin schwer, sich zu entscheiden.

Auch Alper Korkut möchte noch ein bisschen warten, bevor er sich beim Bezirksamt melden und vielleicht über das türkische Konsulat ausbürgern lassen wird. Momentan sieht es so aus, als würde er den Rat seines Vaters beherzigen und sich für den deutschen Pass entscheiden. Damit ist vieles einfacher , sagt er. Zum Beispiel könne man leichter verreisen, vor allem in andere europäische Länder. Türken müssten dagegen lange auf ein Visum warten. Und mal im Geburtsland seiner Eltern zu leben, kann sich Alper ohnehin nicht vorstellen, selbst wenn Urlaub dort „okay“ ist.

Für „integrationspolitisch verfehlt“ hält Kenan Kolat, der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), die Optionsregelung. Weil die Jugendlichen zu einer Entscheidung gezwungen würden, die überhaupt nicht ihrer türkisch-deutschen Lebenserfahrung entspreche. Den jungen Mitgliedern seiner Gemeinde empfiehlt er trotzdem, sich für die deutsche Staatsbürgerschaft zu entscheiden. „Zusätzlich sollten sie einen Antrag auf Beibehaltung ihrer türkischen Staatsangehörigkeit stellen“, sagt Kolat. Es sei schwer, den Jugendlichen zu erklären, dass laut Gesetz zum Beispiel Bürger aus europäischen Ländern und der Schweiz ihren Pass behalten dürfen, wenn sie sich in Deutschland einbürgern lassen – sie jedoch nicht. Hinzu komme der immense bürokratische Aufwand, Anschreiben und Fristen.

Dass vor allem Letztere nicht zu unterschätzen sind, bestätigt die Neuköllner Anwältin Antonia von der Behrens, Fachfrau für Ausländerrecht. Denn angeschrieben werden die Jugendlichen von den Bürgerämtern nur ein einziges Mal – nur in Ausnahmefällen, wie etwa in Friedrichshain-Kreuzberg, gibt es eine schriftliche Erinnerung. Wer die Entscheidung zu lange aufschiebe, sagt von der Behrens, riskiere mit 23 Jahren den Entzug des deutschen Passes. Die Betroffenen müssten sich dann im Zweifelsfall um eine neue Aufenthaltsgenehmigung kümmern. „Die Jugendlichen müssen verstehen, welche Tragweite dieses Schreiben hat“, sagt von der Behrens. Das Optionsmodell sei ein Kompromiss, der für Betroffene weitreichende Folgen haben könne.

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