Politik : Stadt, Land, Flucht

Wie Junge und Alte in Zukunft leben könnten

Hannes Heine

Kinderwagen, Spielplätze, junge Mütter – Familienglück und Prenzlauer Berg gehören für viele zusammen, muss aber nicht so bleiben. „Prenzlauer Berg könnte eine Seniorenhochburg werden“, sagt Hartmut Häußermann vom Zentrum für Metropolenforschung an der Humboldt- Universität. In den nächsten 20 Jahren steigt nach Auskunft von Sozialwissenschaftlern der Altersdurchschnitt der Hauptstädter von 42 auf fast 45 Jahre.

Hoch qualifizierte, junge Großstädter sind heute mobiler denn je und sitzen schnell auf gepackten Koffern. Sie ziehe es eher nach Potsdam und in den Speckgürtel. Zurück bleiben die Alten. Und die müssen schließlich irgendwo wohnen. Zu gut verdienenden Familien in die Vorstädte im Umland werden sie sich nicht gesellen, darin sind sich Experten einig: Wer alt ist, brauche kurze Wege. Und wer nicht ins Altenheim muss, suche deshalb in der Innenstadt nach Wohnraum. Prenzlauer Berg sei dafür ideal geeignet: Zentral aber nicht zu laut, viele Läden sind per Fuß zu erreichen, Parks gibt es auch.

„Wenn Berlin jungen Familien nicht mehr anbietet, bleiben am Ende Rentnerghettos übrig“, warnt Politikwissenschaftler Daniel Dettling. Der Forscher der privaten Berliner Denkfabrik Berlinpolis beobachtet schon jetzt eine schleichende Abwanderung junger Akademiker. Zwar seien flächendeckend keine Rentner- WGs zu erwarten, dennoch fehle es an Angeboten, alle Generationen in der Stadt zu vereinen.

Vor Altenvierteln warnen Forscher auch aus anderen Gründen: Nach Häußermanns Auskunft werden schon 2030 die Hälfte aller Berliner unter 50 Jahren nichtdeutscher Herkunft sein. Während also deutsche Akademiker auf Nachwuchs verzichteten, gründeten bald nur noch Einwanderer in nennenswertem Umfang Familien. Dies könne zu weiteren Problemen führen: Die Bewohner von Steglitz, Zehlendorf und Prenzlauer Berg würden auch zukünftig vorrangig deutsch sein, im Durchschnitt jedoch deutlich älter. In Neukölln und Wedding entstehe hingegen eine junge, nicht ungefährliche Parallelgesellschaft aus verschiedenen Einwanderergruppen. Um dieser Aufteilung vorzubeugen, fordern Experten eine altersgerechte Infrastruktur in allen Bezirken. „Stationen ohne Personal sind beispielsweise nicht altersgerecht, die Verkehrsbetriebe verlieren dadurch ihre betagten Kunden“, sagt Häußermann. Der Stadtsoziologe warnt schon heute vor Geisterbahnhöfen. Alte könnten den öffentlichen Raum in eher jugendlichen Problembezirken irgendwann meiden und sich in Rentnergegenden zurückziehen. Reine Rentnerstädte wie in den USA seien aber nicht im Entstehen. „In Deutschland sind die Städte zum Glück immer noch sehr durchmischt“, sagt Häußermann.

Um Konflikten vorzubeugen, setzt der Forscher vor allem auf bürgerschaftliches Engagement. Auch der Berliner Städteforscher Harald Mieg rechnet angesichts abnehmender staatlicher Fürsorge mit mehr ehrenamtlicher Arbeit: „Freiwilliges Engagement ist auch in anderen Metropolen ein Mittel zur Gegensteuerung.“ Dank der Bildungsexpansion in den 1970er Jahren seien die Ruheständler in den kommenden Jahren so gebildet wie nie zuvor. „Die Rentner werden sich gegen Ghettos wehren“, glaubt Daniel Dettling. Alte wollten nicht unter Alten leben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar