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Stadtentwicklung : Gentrifizierung: In München müssen die Schwabinger gehen

In Münchens Stadtteil Schwabing wollen sich die Alteinwohner nicht verdrängen lassen. Doch die Stadt lässt sich trotz prominenter Unterstützung der Proteste nicht auf Verhandlungen ein.

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Die "Schwabinger 7" galt als schmierigste Kneipe südlich der Donau. Doch seit der Entscheidung für einen Abriss und den Neubau von Luxuswohnungen setzen sich viele Anwohner in München für einen Erhalt ein.Alle Bilder anzeigen
Foto: Markus Okur
16.12.2011 14:38Die "Schwabinger 7" galt als schmierigste Kneipe südlich der Donau. Doch seit der Entscheidung für einen Abriss und den Neubau von...

Dort wo früher die „Schwabinger7“, ein Urgestein der Münchner Nachtszene und die wohl schmierigste Kneipe südlich der Donau ihre Heimat hatte, klafft seit August eine große Lücke. Der Eigentümer machte von seinem Baurecht Gebrauch und gab die Bahn frei für das MONA|CO, einen Komplex von Luxuswohnungen mit Spitzenpreisen von 10 000 Euro pro Quadratmeter.
Doch ob der Luxusbau kommt wie geplant, ist noch ungewiss. Nachbarn reichten Klage ein, da sie ihre Interessen verletzt sahen.
Das Gerichtsverahren scheint die Haupterrungenschaft der Bürgerinitiative „Rettet die Münchner Freiheit- für ein kulturelles Schwabing“ zu sein. Sie wehrte sich vehement gegen die Ersetzung des heruntergekommensten und kiezigsten Nachkriegsensembles in Altschwabing durch stilles Gewerbe und motivierte damit die Klage der Nachbarn.
Was nach Abriss der Häusergruppe mit Kneipe, Programmkino, Fotoatelier und Dönerbude kommen sollte, war bis 6 Wochen vor geplantem Baubeginn niemandem bekannt. Nachdem er einen Bebauungsplan bei der Stadt beantragt und dabei Widerstand bemerkte hatte, gründete der Münchner Student Florian Raabe zusammen mit Kommilitonen die Initiative um den Erhalt der Schwabinger Soziokultur. „Uns ging es nicht primär um die Schwabinger7, sondern um das Viertel“, so Raabe. Dass sich der Protest nur um den Erhalt einer Saufkneipe gedreht habe, sei eine Umpolung durch die Medien, sagt er weiterhin. Im Grunde waren die Sorgen der Protestler nämlich weitgreifender: Die unmittelbare Nachbarschaft weist eine hohe Dichte an Livebühnen und Privattheatern auf. Darunter sind alteingesessene Institutionen wie das Rationaltheater, das Münchner Lustspielhaus oder auch die Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Man befürchtete einen Ansteckungseffekt; wenn erst einmal der Komplex um die Schwabinger7 nicht mehr da sei, würde auch der Rest luxussaniert, die Mieten noch teurer, die Kleinkunst vertrieben und damit das Viertel stillgelegt. Demos wurden organisiert und die Presse mobil gemacht.
Anwohner, Wirte und Künstler, darunter Konstantin Wecker, Erwin Pelzig, Michael Mittermeier und andere, demonstrierten mit. Die Resonanz war enorm. Im Stadtrat wurde heftig debattiert, die Zeit titelte „Schwabing 21“ auf einer Doppelseite, die TAZ schrieb, die Süddeutsche Zeitung berichtete mehrfach. Raabe und seine Kollegen wurden zu Diskussionsrunden geladen. Eine stadtweite Gentrifizierungsdebatte entfachte.
Doch der Forderung nach mehr Mitgestaltung bei dem Bauvorhaben kam die Stadt nicht nach. Beatrix Zurek (SPD), Stadträtin, sagte gegenüber sueddeutsche.de, dass die Proteste die Rechts- und Soziallage übersähen. Rechtlich sei es unmöglich, dem Bauherrn die zukünftige Nutzung vorzuschreiben. Darüber hinaus könne München es sich aufgrund der akuten Wohnungsnot nicht leisten, wertvollen Wohnraum wegen einer alten Kneipe aufzugeben.
Jetzt ist das Grundstück am Eingang der Feilitzstraße Baustelle. Alles ist nur noch eine Frage der Zeit. Ob sich an dem Bauvorhaben tatsächlich etwas ändern wird, entscheidet nunmehr das Gericht.
Die Schwabinger7 indes ist sechs Nummern weiter in den Keller gezogen. Nun werden es die Berauschten schwer haben. Es gibt eine Treppe.
„Ich sehe die Dinge nicht so schwarz“, sagt der Wirt Johann Maier. Mit dem Begriff Gentrifizierung könne er nichts anfangen. „In 30 Jahren habe ich das Auf und Nieder einzelner Stadtteile miterlebt. Alles verändert sich.“

Ob das Viertel, das seine junge Kundschaft vor Jahren schon an andere Orte der Stadt verloren hat, nun auch das alteingesessene Publikum verlieren wird, zeigt sich. Der Dönermann direkt neben der Baustelle zumindest ist zufrieden. Die Konkurrenz ist nicht mehr da. Er kümmere sich nicht um Luxusbauten, sagt er.

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