Politik : Stärke von gestern - Schwäche von heute (Leitartikel)

Antje Sirleschtov

Es ist das Eingeständnis der Schwäche: Ein Land, das sich seit Jahrzehnten zu den stärksten und modernsten Wirtschaftsnationen der Welt zählt, droht im Wettbewerb der Zukunft zurückzubleiben, weil seine Unternehmen keine Spezialisten finden können. Ein Land, das traditionell den Ruf genießt, in großer Zahl begabte Mathematiker, Physiker, Ingenieure und technische Facharbeiter hervorzubringen, muss sich eingestehen, dass es im Bildungswettlauf der Nationen abgeschlagen ist. Allein 75 000 offene Stellen in der Computer- und Kommunikationsbranche, für die keine qualifizierten deutschen Bewerber zu Verfügung stehen. Wahrscheinlich noch mehr freie Jobs für Ingenieure und Techniker: Deutschland offenbart in diesem Mangel an Humankapital, wie gravierend seine Standortdefizite sind.

Viel zu lange - das wird nun sichtbar - hat sich die deutsche Gesellschaft selbstgefällig auf solchen Namen wie Werner von Siemens und Carl Zeiss ausgeruht und an der großen Zahl hoch qualifizierter Facharbeiter, die das hiesige Bildungssystem hervorgebracht hat, berauscht. Viel zu spät haben wir erkannt, dass wir noch immer stolz sind auf den Typ "gründlicher Fachmann", während um uns herum der "wendige, kreative Crack" gesucht wird. Gewiss, die strukturellen Defizite sowohl des Ausbildungs- wie des Weiterbildungssystems beschäftigen deutsche Politiker seit geraumer Zeit. In Pilotprojekten wird die Kooperation von Universitäten mit Unternehmen geprobt. Stolz wird auf jede Grundschule hingewiesen, die einen Computer mit Internet-Anschluss besitzt. Und beinahe 15 Milliarden Mark wendet die Gesellschaft pro Jahr auf, um arbeitslose Facharbeiter und Akademiker weiterzubilden und sie mit dem neuesten Stand der Technologie vertraut zu machen.

Im Ergebnis bleiben solche Aktionen jedoch nur Stückwerk. Denn sie berühren im Kern in keiner Weise das Grundübel des deutschen Systems, nämlich die Erstarrung der Strukturen, die den Einzelnen die Möglichkeit nimmt, flexibel auf die Anforderungen der Moderne zu reagieren - nicht nur im Bildungssystem. Das betrifft Universitäten und Hochschulen, die so viel Zeit benötigen, moderne Lehrstühle einzurichten und mit internationalen Spitzenlehrkräften zu besetzen, dass Technologien fast schon wieder veraltet sind, bevor die ersten Semester zur Prüfung zugelassen werden. Das betrifft aber auch Unternehmen, die bei der Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter, ja selbst bei der Einstellung von Spezialisten, übervorsichtig sind, weil sie das deutsche Arbeitsrecht später daran hindern wird, flexibel auf die Erfordernisse des Marktes zu reagieren und die zu entlassen, die den Erfordernissen nicht mehr genügen.

Und natürlich betrifft das auch den gesamten Bereich der aktiven Arbeitsmarktpolitik. Gleicht es doch einem Paradoxon, dass die Arbeitsämter Jahr für Jahr einige Hundertausend Menschen umschulen und weiterbilden - und die High-Tech-Industrie trotzdem nach Fackkräften aus dem Ausland ruft. Wer genauer hinsieht, erkennt, dass auch in diesem Bereich nur an Symptomen herumgedoktort wird. Die Strukturen vergangener Jahrzehnte blieben unverändert. Ob es Einstellungszuschüsse des Arbeitsamtes für Unternehmen sind oder Massenkurse, die aus Kindergärtnerinnen Kommunikationsassistentinnen machen sollen: Solange Bürokratie statt Flexibilität auch diesen Bereich beherrscht, werden in Deutschland Millionen Menschen ohne Jobs tatenlos zusehen müssen, wie die Bundesregierung den Fachkräftemangel durch die Ausgabe von Green Cards behebt.

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