Politik : Stärker als die Mauer

Von Elisabeth Binder

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Als Elizabeth II am 2. Juni 1953 zur Königin von Großbritannien gekrönt wurde, hieß der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower. Die Queen ist in jeder Hinsicht eine Zeitzeugin Royale, die einer Ära der Geschichte ein Gesicht gibt. Und jetzt ist sie hier, bewegt Berlin. Staatsoberhäupter kamen und gingen, sie hält ihr Amt seit über 50 Jahren. Zwei Wochen nach ihrer Krönung kam es in Berlin zum Aufstand des 17. Juni, acht Jahre später wurde die Mauer gebaut. Sieben Jahre war sie schon im Amt, als John F. Kennedy im November 1960 seinen Wahlsieg feierte.

Wenn die Queen nach Frankreich und den USA auch Deutschland einen vierten Staatsbesuch abstattet, ist das zunächst als symbolisches Zeichen dafür zu werten, dass dieses Land zu den drei wichtigsten Partnern Großbritanniens zählt. Doch gerade weil sie sich jeglicher tagespolitischer Einlassungen enthalten muss, ist sie, wie keine andere Figur, in der Lage, größere Zusammenhänge sichtbar werden zu lassen und – über allem Hin und Her der Politik – vielleicht einen Moment der Dankbarkeit für Erreichtes herbeizuführen.

Was für Zeitläufte spiegeln sich in ihrer Biographie! Als Teenager hat sie die deutschen Bombenangriffe auf England erlebt und mitgeholfen, die Moral der britischen Soldaten zu heben. Genau 20 Jahre nach Kriegsende wurde ihr erster Staatsbesuch 1965 zum Symbol der Versöhnung. Damals zeigte Bundeskanzler Ludwig Erhard ihr die Mauer am Brandenburger Tor und dankte ihr für die Unterstützung, die Großbritannien der Sicherheit und der Lebensfähigkeit West- Berlins zuteil werden ließ. Weit über eine Million Menschen säumten die Straßen, um der mit 39 Jahren immer noch jungen Königin zuzujubeln. In einer der klirrendsten Phasen des Kalten Krieges zählte sie zu den wichtigen Hoffnungsträgern der Stadt. Bis zum Fall der Mauer galten die Besuche von Staatsoberhäuptern der West-Alliierten, besonders auch die der amerikanischen Präsidenten, als eine wichtige Motivationsspritze für den Durchhaltewillen der Berliner. Beim zweiten Staatsbesuch 1978 bekräftigte die Queen das britische Bekenntnis zur Verantwortung für die Freiheit West-Berlins. Zum 750. Geburtstag beehrte sie die Stadt 1987, damals noch eine Insel. Da nahm sie die hier zu Alliiertenzeiten traditionelle Parade der britischen Truppen zu Ehren ihres eigenen Geburtstags ab.

Mit einem Bekenntnis zur europäischen Zukunft begann sie ihren dritten Staatsbesuch 1992, den ersten im wiedervereinigten Deutschland. Der Gang durchs Brandenburger Tor war für sie, wie für alle, die für ein freies, wiedervereinigtes Berlin gestanden hatten, ein historischer, vielleicht sogar emotionaler Moment. Wohl auch deshalb kam sie erneut 2000 zu einer Stippvisite, um die britische Botschaft zu eröffnen, weltweit die erste, der diese Ehre zuteil wurde.

Heute Abend wird die angeblich in so erstarrten Formen lebende Queen Berlin schon wieder eine Premiere bieten: Sie empfängt bei einem Benefizkonzert zugunsten der Dresdner Frauenkirche die Spitzen der deutschen Gesellschaft und englische Unternehmer, die aus diesem Anlass gespendet haben, um verbliebene Narben des Krieges zu schließen. Wenn man nur lange genug durchhält in den Stürmen der Zeit, auch das ist an ihr zu sehen, braucht man gar nicht mehr viel zu sagen. Gesten bekommen automatisch mehr Gewicht als Worte.

Präsidenten in Amerika und anderswo ist das nicht vergönnt. Weil sie nie länger als ein paar Jahre regieren.

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