• Stallgeruch light - warum Franz Müntefering der Richtige für die Kanzler-SPD ist (Analyse)

Politik : Stallgeruch light - warum Franz Müntefering der Richtige für die Kanzler-SPD ist (Analyse)

Stephan-Andreas Casdorff

Vorbei ist der Ausflug ins Ungefähre, jetzt wird es konkret. Das ist der Person angemessen, die jetzt im Mittelpunkt steht: Franz Müntefering, Mitglied der neuen Quadriga, arbeitet wieder in erster Linie für die SPD. Ob als Generalsekretär - wofür einiges spricht, weil es die herausgehobene Bedeutung stärker augenfällig machen würde - oder als Bundesgeschäftsführer, vor allem zählt, dass die Partei mit ihm wieder erkennbar wird. Er soll die Destruktion der letzten Tage beenden.

Müntefering: Er ist stark, aber nicht so auffällig. Er hat den in der Sozialdemokratie immer noch nötigen Stallgeruch, aber der ist nicht streng. Kein großer Redner, kein Visionär, eher vom Typ Funktionär, ist er zu Innovationen bereit. Innovation, für diesen Begriff stand im letzten Wahlkampf Gerhard Schröder. Soziale Gerechtigkeit, das sozialdemokratische Urthema, verkörpert von Oskar Lafontaine, wird im nächsten Wahlkampf von Franz Müntefering übernommen werden. Diesen Wahlkampf soll er ja auch organisieren.

Der Versuch, Lafontaines geistige Linie zu tradieren, ist misslungen. Der noch von Lafontaine eingesetzte Sachwalter Ottmar Schreiner hat sich nicht durchsetzen können. Nun muss die Partei trotzdem zusammengehalten und obendrein geschlossen auf den neuen Kurs gebracht werden. Peter Struck, der Fraktionschef, vermag das nicht. Rudolf Scharping, der Verteidigungsminister, darf das nicht, wegen seiner zeitlichen Beanspruchung, aber auch wegen seiner noch immer vorhandenen persönlichen Ambition. Wer bleibt? Müntefering.

Dem Sozialdemokraten vom Scheitel bis zur Sohle, dem bodenständigen Müntefering aus dem machtvollen Westfalen nimmt der gemeine Genosse ab, was er Schröder nicht so recht glaubt: dass nicht alle Tradition verloren gehen wird beim Versuch, eine "gerade Furche zu ziehen". Dass nicht alles der neuen Mitte untergeordnet wird. Müntefering repräsentiert einen geordneten Übergang in der Partei. Für die nächste Bundestagswahl im Jahr 2002 kommt er rechtzeitig: ein Jahr Orientierung, ein Jahr Konsolidierung, ein Jahr Mobilisierung. Das wäre wie beim letzten Mal. Wie mit Lafontaine. Nur diesmal ohne ihn.

Und die Fraktion - wer bleibt? Logisch wäre, wenn Müntefering sie mit übernähme. Die Destruktion in den letzten Tagen hat ja vorrangig mit dem Bedeutungsverlust sozialdemokratischer Institutionen zu tun, der Spitze von Partei und Fraktion. Und Schröder will die Rekonstruktion, wie seit dem Treffen der Quadriga klar ist, nicht in zu viele Hände legen. Außerdem braucht er doch jemanden, der für die SPD verantwortlich ist.

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