Politik : Stammesversammlung einigt sich auf Karsais Friedensplan

Der afghanische Präsident will die Aussöhnung mit den Taliban, um den Krieg am Hindukusch zu beenden

Can Merey[dpa]

Kabul - Wer angesichts der eskalierenden Gewalt in Afghanistan Hoffnungslosigkeit auf der „Friedens-Dschirga“ in Kabul erwartet hatte, der wurde eines Besseren belehrt: Trotz der Taliban-Angriffe zu Beginn der dreitägigen Versammlung herrschte überraschend Optimismus vor. Zum Abschluss der Dschirga am Freitag schienen die rund 1600 Delegierten überzeugt davon, einen ersten Schritt in Richtung Frieden unternommen zu haben.

Ihre Kollegen seien „enthusiastisch“, sagte die Delegierte und Parlamentarierin Azila Wardak aus der zentralafghanischen Provinz Maidan Wardak. Das dürfte angesichts der vagen Ergebnisse des Treffens zwar übertrieben sein, denn der Frieden wird am Hindukusch in absehbarer Zeit nicht ausbrechen. Dennoch: Dass die Dschirga überhaupt stattfand – und dass die Taliban sie nicht zum Entgleisen bringen konnten, das darf schon als Erfolg gewertet werden.

Präsident Hamid Karsai hatte die Ratsversammlung einberufen. Wie erwartet gaben die Delegierten ihm das klare Mandat, die Aufständischen an den Verhandlungstisch zu bringen. Außerdem forderte die Dschirga, Taliban-Anhänger von der UN-Sanktionsliste zu streichen. Ob damit auch die Taliban-Führung unter Mullah Mohammad Omar gemeint ist, ließ die Abschlusserklärung offen – wie viele andere Punkte auch.

Dennoch kann Karsai den Taliban nun im Auftrag des Volkes gegenübertreten. Die Dschirga hat den angeschlagenen Präsidenten gestärkt. Die einstimmige Unterstützung für seinen Versöhnungskurs dürfte auch die Schmach der Betrugsvorwürfe bei der Präsidentschaftswahl 2009 gemildert haben. Entsprechend gut gelaunt dankte der Präsident den Delegierten für ihre „Botschaft des Friedens“.

Diese Friedensbotschaft richtete sich ausdrücklich an alle afghanischen Aufständischen: Die im Westen immer noch verbreitete Vorstellung, es könne nur mit sogenannten moderaten Taliban – also unideologischen Mitläufern – gesprochen werden, dürfte sich langfristig nicht durchhalten lassen. „Es ist Krieg, und im Krieg werden keine Süßigkeiten verteilt“, sagt der Delegierte Baki Hilaman Ghasnawi aus der südostafghanischen Provinz Ghasni: „Sie müssen mit den Menschen sprechen, die tatsächlich kämpfen.“ Auch mit Mullah Omar.

Verbrechen müssten später aufgearbeitet werden: „Es muss erst Frieden geben, dann können wir über Gerechtigkeit reden.“ Gespräche mit dem Terrornetz Al Qaida schlossen die Delegierten allerdings ebenso aus wie Karsai. Etwas anderes hätten die USA auch nicht zugelassen. Im Gegensatz zu Al Qaida verfolgen die Taliban keine globalen Ziele – ihre Forderung nach einem islamischen Emirat erstreckt sich nur auf Afghanistan.

Offen ist, ob die Taliban jemals in Friedensgespräche einwilligen. Der Dschirga- Delegierte und einstige Taliban-Religionsminister Maulawi Arsala Rahmani bemüht sich um eine Aussöhnung zwischen Regierung und Aufständischen. Er ist optimistisch, dass die Taliban-Anführer, zu denen er „indirekte Kontakte“ pflegt, Gespräche nicht mehr ablehnen, „wenn sie die neuen Ideen (der Dschirga) hören“. Die Delegierte Wardak ist zurückhaltender: Warum die Aufständischen mit der bedrängten Regierung verhandeln sollten, statt auf Gewalt zu setzen? „Darauf habe ich keine Antwort.“ Can Merey, dpa

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