Politik : Stammzell-Import erstmals erlaubt Bonner Wissenschaftler darf embryonales Gewebe

verwenden – Hoffnung auf Heilung von Nervenleiden

Hartmut Wewetzer

Berlin/Bonn. Der Bonner Mediziner Oliver Brüstle darf als erster Wissenschaftler menschliche embryonale Stammzellen zu Forschungszwecken nach Deutschland einführen. Das zuständige Robert-Koch-Institut in Berlin genehmigte Brüstles Antrag nach einem knappen halben Jahr. Der Forscher erhält die Zellen aus dem Labor des israelischen Gynäkologen Joseph Itskovitz von der Technischen Universität Haifa. Brüstle hofft nun, bereits im Januar mit den Stammzellen arbeiten zu können.

Oliver Brüstle, Professor am Institut für Neuropathologie der Bonner Universität, hat mit der Importgenehmigung ein selbst gesetztes Etappenziel erreicht. Knapp zweieinhalb Jahre, nachdem er Fördermittel bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft beantragt hatte, bekam er für seine Arbeit nun grünes Licht vom Robert-Koch-Institut. „Unsere Begeisterung hält sich angesichts des langen Wartens in Grenzen“, sagte Brüstle am Montag. „Aber natürlich sind wir froh, dass es jetzt endlich losgehen kann.“

Der Erlaubnis vorausgegangen war eine beispiellose wissenschaftspolitische Diskussion. Heftig war in Deutschland darüber gestitten worden, ob man die Forschung an embryonalen Stammzellen erlauben solle. Die Befürworter hatten damit argumentiert, dass Stammzellen eines Tages schwere Krankheiten wie Parkinson oder Multiple Sklerose heilen könnten. Die Gegner hatten darauf verwiesen, dass für die Herstellung von Stammzellen Embryonen getötet werden müssen.

Am Ende stand ein Kompromiss. Der Bundestag beschloss am 30. Januar 2002, unter strengen Auflagen die Einfuhr von Stammzellen zu erlauben. Es dürfen nur Zellen aus Kulturen importiert werden, die bereits vor dem 1. Januar 2002 existierten. Die Herstellung embryonaler Stammzellen bleibt dagegen verboten. Bereits einen Tag nach der Entscheidung des Bundestages genehmigte die Deutsche Forschungsgemeinschaft Brüstles Antrag. Die Mittel in Höhe von 200000 Euro kann der 40-Jährige nun abrufen.

Brüstles Stammzellen wurden aus „überzähligen“, für die künstliche Befruchtung erzeugten und nicht mehr benötigten Embryonen gewonnen. Erst nach der Erlaubnis der Eltern werden diese Embryonen statt zur Vernichtung für die Forschung freigegeben, sagt Michael Amit von der Technischen Universität Haifa.

Embryonale Stammzellen werden aus der inneren Zellmasse eines wenige Tage alten Embryonen gewonnen. Ihre Besonderheit besteht darin, dass sie sich unbegrenzt teilen und sich in alle Arten von Gewebe weiterentwickeln können. Das macht diese Zellen zu potenziellen „Alleskönnern“. Forscher wie Brüstle hoffen, dass Stammzellen eines Tages beschädigtes oder zerstörtes Gewebe ersetzen. Im Tierversuch konnte Brüstle zeigen, dass Stammzellen bei dem Nervenleiden Multiple Sklerose tatsächlich die Funktion ausgefallener Zellen übernehmen können. Bis zum Einsatz am Menschen ist es aber noch ein langer Weg, schränkt der Forscher im Gespräch mit dem Tagesspiegel ein: „Es wird noch mindestens fünf Jahre dauern, bis es so weit ist.“ Unterdessen haben drei weitere Wissenschaftler die Genehmigung zur Stammzellforschung beim Robert-KochInstitut beantragt.

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