• Stammzellen-Forschung: "Welches Kind wollen Sie umbringen?" - Moral mit der Keule: Die hitzige Debatte in den USA

Politik : Stammzellen-Forschung: "Welches Kind wollen Sie umbringen?" - Moral mit der Keule: Die hitzige Debatte in den USA

Malte Lehming

Das geht ans Herz. Im amerikanischen Kongress tritt ein Ehepaar auf, seine zwei kleinen Kinder im Arm. Der Mann hält ein Foto hoch. Darauf sind die beiden befruchteten Eizellen zu erkennen, aus denen seine Kinder entstanden sind. Der Mann zeigt mit dem Finger auf das Bild und ruft: "Ich frage Sie: Welches meiner beiden Kinder wollen Sie umbringen, welches?"

Die Gegenseite dreht moralisch mindestens ebenso kräftig auf. Kinder, die an Diabetes leiden, bitten den amerikanischen Präsidenten in Werbespots eindringlich um Unterstützung. Patienten, die an Parkinson und Alzheimer erkrankt sind, erzählen den Abgeordneten von ihren Qualen. Der querschnittsgelähmte Schauspieler Christopher Reeve, der einst "Superman" war und nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt, ist noch resoluter. Er droht damit, die US-Regierung wegen unterlassener Hilfeleistung zu verklagen, falls sie sich weigern sollte, die von George W. Bush eingefrorenen Mittel für die embryonale Stammzellen-Forschung freizugeben. Denn das verhindere lebensrettende Therapien. In den USA wird der Streit darüber mit allen Waffen einer modernen Mediendemokratie ausgetragen.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Seit Wochen etwa wird das Weiße Haus mit Briefen überschüttet, deren Inhalt von den Absendern freilich öffentlich gemacht wurde. "Sie, Herr Präsident, haben das Leben von Millionen Menschen in Ihrer Hand", heißt es dramatisch in einem Schreiben, das am Freitag einging. Mehr als 200 Abgeordnete, darunter 40 Republikaner, haben es unterzeichnet. Sie drängen Bush, die Forschung zu unterstützen. In der vergangenen Woche hat die Mehrheit der Senatoren dasselbe getan. Im Februar bereits forderten 80 Nobelpreisträger von der US-Regierung, sich der "enormen Kreativität der Biotechnologie" nicht zu verschließen. Und natürlich will auch der Papst in diesem anschwellenden Chorgesang der Moral-Appelle nicht fehlen. Er hat Bush am Montag ins Gewissen geredet - und ebenfalls die Chance genutzt, seine Verdammnis vor der internationalen Presse vorzutragen.

Die Stimmung der Gläubigen allerdings trifft Johannes Paul II. mit seinem Urteil nicht. Mehr als 60 Prozent der amerikanischen Katholiken spricht sich inzwischen für die Forschung aus. Darunter sind viele prominente Abtreibungsgegner. Das Vertrauen, das diese Menschen in die Moral der Mediziner setzen, ist offenbar größer als das Misstrauen, das sich in der Angst des Vatikans vor der angeprangerten "Kultur des Todes" widerspiegelt.

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