Politik : „Stammzellen werden immer schlechter“

Berlin - In einer Anhörung des Bundestags zur möglichen Reform des Stammzellengesetzes haben Juristen, Naturwissenschaftler, Ethiker und Politiker Chancen und Risiken ausgelotet. Bislang dürfen Forscher nur embryonale Stammzellen verwenden, die vor dem 1. Januar 2002 im Ausland gewonnen wurden. Eine größere Parlamentariergruppe schlägt eine einmalige Verschiebung des Stichtags auf den 1. Mai 2007 vor. Damit würden Wissenschaftlern jüngere Zelllinien zur Verfügung stehen.

Diese Position wird von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Forschungsministerin Annette Schavan (beide CDU) unterstützt. Der Aachener Experte Henning Beier sagte während der fünfstündigen Anhörung am Montag in Berlin, die bisher eingeführten, älteren Zelllinien würden in ihrer Qualität gravierend schlechter. Dies sei für Grundlagenforscher „ein unhaltbarer Zustand“.

Der britische Humangenetiker Colin McGuckin erklärte dagegen, man brauche keine Forschung an embryonalen Stammzellen, um mit ethisch unbedenklichen erwachsenen (adulten) Stammzellen Fortschritte zu erzielen. Weltweit würden bereits tausende Patienten mit adulten Zellen behandelt. Diese gibt es in Knochenmark, Leber, Hirn oder Nabelschnur. McGuckin mahnte, keinen Konkurrenzkampf zwischen den Zellforschern auszurufen und keine überzogenen Heilserwartungen zu wecken. „Stammzellen werden Parkinson nicht in 20, 30 oder 50 Jahren heilen können.“ Ausführlich diskutiert wurde in der Anhörung die ethische Dimension der Stammzellforschung. Der Münchner Philosoph Robert Spaemann sagte, eine Abwägung von Forschungsfreiheit und Lebensrecht sei falsch. Laut Bundesverfassungsgericht seien Menschen im Frühstadium ihres Lebens kein Material, sondern Träger des Grundrechts auf Leben.

Der Hamburger Rechtswissenschaftler Reinhard Merkel widersprach Spaemann. Stammzellen hätten keine Menschenwürde. Den Lebensschützern gehe es in der Debatte darum, symbolisch einen Menschen vor Körperverletzung zu schützen, der gar nicht mehr lebe.

Der Bundestag soll im April über die mögliche Lockerung des Gesetzes entscheiden. dpa

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