Standort Deutschland : Aufholjagd in Indien

Wirtschaftlich ist Deutschland für Indien bisher nur Partner zweiter oder dritter Wahl, hinter den USA, Großbritannien oder Russland. Aber Bundeskanzlerin Angelika Merkel wirbt bei ihrem Besuch trotzdem unverdrossen für Kooperationen beider Länder und den Standort Deutschland.

Christine Möllhoff

Neu-DelhiEtwas ist anders als vor drei Jahren. Damals hatte noch Gerhard Schröder in Neu-Delhi am Rednerpult gestanden, um zum deutsch-indischen Wirtschaftsforum zu sprechen. Diesmal tritt seine Nachfolgerin Angela Merkel, im dunkelblauen Anzug, vors Mikrofon. Und schon der Anfangsapplaus fällt wärmer, ja herzlich aus. Das spürt Merkel auch bei anderen Terminen in der 16-Millionen-Metropole. „In Kanzlerin Merkel haben wir einen großen Staatsmann, einen Welt-Staatsmann und einen großen Freund unseres Landes“, schwärmt etwa Regierungschef Manmohan Singh, der sie mit militärischen Ehren empfing.

„Ich finde offene Türen für uns vor“, sagt Merkel später. Das Aufblühen der Beziehungen ist nicht zuletzt ihr Verdienst. Bereits 2006 war es ihr gelungen, den eher schüchternen und scheuen Singh bei seinem Deutschlandbesuch für sich einzunehmen – mit einer Mischung aus Understatement und Selbstbewusstsein. Mehrere Verträge sollen die Partnerschaft mit Leben erfüllen. Darunter ein Abkommen über den Ausbau der wissenschaftlichen Kooperation.
 
Wirtschaftlich ist Deutschland für Indien bisher nur Partner zweiter oder dritter Wahl, hinter den USA, Großbritannien, Russland oder Israel. Indien ist mit 1,1 Milliarden Menschen nicht nur einer der größten Konsumentenmärkte der Zukunft, das Land will in den nächsten Jahren Milliarden investieren – in die Infrastruktur, das Energienetz, in Flugzeuge, Waffen und Atomtechnik. Da möchten deutsche Firmen mitmischen. „Wir wissen, wir haben hier Wettbewerber“, sagte Merkel zu Handelsminister Kamal Nath. „Wir bitten um gleiche Chancen.“ Im Gefolge der Kanzlerin reist eine hochkarätige Wirtschaftsdelegation. Airbus und Eurofighter seien „wunderbare Angebote“, lockt sie in Delhi. Immerhin will Indien demnächst 120 Kampfjets kaufen und auch der Luftfahrtkonzern EADS bewirbt sich um den Auftrag. Auch würde Deutschland gerne „Schienenwege in Indien bauen“, ins Geschäft mit erneuerbaren Energien oder ins Banken- und Versicherungsgeschäft einsteigen. Umgekehrt seien „indische Investitionen in Deutschland willkommen“.

Auch Indien wünscht sich Rückhalt aus Berlin – beim Atomdeal mit den USA etwa, der faktisch mit den offiziellen Atommächten gleichstellt. Das Nuklearabkommen braucht den Segen der Nuclear Supplier Group, in der Deutschland eine Rolle spielt. Beim Klimaschutz zeigte Merkel Verständnis für die Sorgen Indiens. Das Land fürchtet, dass Umweltauflagen seinen Aufstieg bremsen könnten. Und es verweist darauf, dass die Industrieländer die Natur weit mehr verpesten. Während die Deutschen pro Kopf jedes Jahr elf Tonnen Emissionen produzierten, sei es in Indien weniger als eine Tonne, räumte die Kanzlerin ein. Sie rief zusammen mit Außenminister Mukherjee das Militärregime in Birma zur Freilassung aller politischen Gefangenen auf.

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