Politik : Starker Mann trifft gute Seelen

19.05.2002 00:00 UhrVon NAME

Von Malte Lehming

Man mag ihn nicht in Europa. Seine ganze Art stößt ab. Er gilt als ungebildet und einfach gestrickt. Gleichzeitig werden ihm Überheblichkeit und Skrupellosigkeit vorgeworfen. Gemeint ist US-Präsident Bush, Er ist der mächtigste Mann der Welt.

Vielleicht schadet ihm dieses Prädikat. Wenn es nach den Europäern ginge, dürfte es einen mächtigsten Mann der Welt eigentlich gar nicht geben – und falls doch, sollte er kein normaler Mensch sein, der aus Texas kommt, sich gelegentlich verplappert und an Bretzeln verschluckt, sondern eine Mischung aus Ghandi und Einstein. Bush ist weder Ghandi noch Einstein. Das wird ihm übel genommen.

Er ist zu texanisch, um derart mächtig sein zu dürfen.

Auch seine Politik empört. Gibt es irgendeinen internationalen Vertrag, den Bush noch nicht gekündigt hat? Gibt es ein unliebsames Regime, das er noch nicht zur „Achse des Bösen“ gezählt hat? Scheut er Protektionismus und Handelskriege, um die heimische Wirtschaft zu schützen? Dreimal nein. Für ihn stehen die US-Interessen an oberster Stelle. Er setzt seine Ellenbogen ein, um sie durchzusetzen. Und im Unterschied zu seinem Vorgänger macht Bush daraus keinen Hehl. Auch unter Bill Clinton wären das Kyoto-Abkommen oder die Gründung des Weltstrafgerichtshofes niemals ratifiziert worden. Aber Clinton war ein Meister in der Pose, nicht so gut sein zu können, wie er angeblich wollte.

Bush hingegen versteckt seine Macht nicht. In Europa wirkt das protzig. Für Europäer, besonders für Deutsche, haben internationale Verträge etwas Heiliges. Ob KSZE, ABM oder EU: Die gesamte politische Entwicklung wurde maßgeblich durch schriftlich fixierte Übereinkünfte beeinflusst. Aus amerikanischer Perspektive sieht das anders aus. Der Stärkste bindet seine Macht durch Verträge am stärksten. Die USA fühlen sich ungebunden derzeit handlungsfähiger. Der 11. September hat diesen Trend verstärkt.

Nutzen sie ihre Freiheit zum allgemeinen Wohl? Die Bilanz fällt zwiespältig aus. Negativ zu Buche schlagen der Umweltschutz, das internationale Strafrecht und die Handelsfreiheit. Positiv hat sich das Verhältnis zu Russland und China entwickelt. Nie zuvor haben die drei großen Nuklearstaaten so eng zusammengearbeitet. Überdies engagiert sich Bush inzwischen im Nahen Osten, er weiß, dass Afghanistan nur durch massive Investitionen und eine dauerhafte Truppenpräsenz stabilisiert werden kann, eine Ausdehnung des Krieges gegen den Terrorismus – Stichwort: Irak – ist in weite Ferne gerückt. Die Rhetorik klingt oft martialisch, in der Realität überwiegt das bedächtige, behutsame Element.

Wenn die Fakten harmloser sind als ihre Wahrnehmung, stellt sich die Frage nach den tieferen Ursachen für die Ablehnung von Bush in Europa. Seit dem Ende des Kalten Krieges hat der alte Kontinent an weltpolitischer Bedeutung verloren. Seine Rolle als Front gegen die Sowjetunion hat ausgedient. Gleichzeitig ist der militärische und wirtschaftliche Abstand zu Amerika stetig größer geworden. Auf absehbare Zeit bleiben die USA die dominierende Macht auf diesem Globus. Die enormen Militärausgaben der Reagan-Zeit haben durch „Spin-offs“ den Wirtschaftsboom der neunziger Jahre ermöglicht. Einen ähnlichen Effekt könnte Bush mit seinen Militärinvestitionen erzielen. Was soll Europa dem entgegensetzen? Der 11. September hat gezeigt, dass nur Amerika in der Lage ist, auf neue Gefahren schnell zu reagieren.

Wenn die Wirtschaft lahm ist und das Militär schwach, bleibt die Moral. Die Amerikaner mögen übermächtig sein, tönt es daher in Europa, aber wir sind die besseren Menschen. Wir halten Verträge ein und brechen keine Kriege vom Zaun. Leider ist diese Haltung nur selten frei von Selbstgefälligkeit. Auch unter Asketen gibt es jene, die sich ihrer Charakterstärke rühmen, aber in Wahrheit den Alkohol nicht vertragen.

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