Stasi-Einheit : Bedingungsloser Schießbefehl gegen DDR-Flüchtlinge entdeckt

Die DDR-Führung hat es stets geleugnet: den Befehl, auf Flüchtlinge aus der DDR zu schießen, habe es nie gegeben. Jetzt wurden Unterlagen gefunden, die das Gegenteil belegen.

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Foto: ddp

Magdeburg/BerlinErstmals ist in den Stasi-Unterlagen ein bedingungsloser Schießbefehl gegen DDR-Flüchtlinge entdeckt worden. "Der Befehl fordert zum rücksichtslosen Gebrauch der Schusswaffe ohne Vorwarnung an der Grenze auf - auch gegen Frauen und Kinder", sagte der Sprecher der Stasi-Unterlagenbehörde, Andreas Schulze. Damit wurde ein Bericht der "Magdeburger Volksstimme" bestätigt. Die Aufarbeitung der Vorfälle an der DDR-Regimegrenze erhalte damit eine neue Qualität, sagte der Sprecher. Bislang habe der Schusswaffengebrauch als letztes Mittel gegolten, um Flüchtlinge zu stoppen.

Im DDR-Grenzgesetz von 1982 sei die Anwendung der Schusswaffe als "äußerste Maßnahme der Gewaltanwendung" bezeichnet worden, sagte der Sprecher. Die DDR-Führung hatte stets behauptet, es habe keinen "Schießbefehl" gegeben. "Bisher fanden wir in Dienstanweisungen zwar Passagen, die den Schusswaffengebrauch als letztes Mittel einräumten", sagte Schulze. Aber zuvor hätten die Grenztruppen laut Befehl immer erst mehrfach und eindeutig vorwarnen müssen. "Sie mussten die Flüchtlinge zum Beispiel zum Anhalten auffordern und Warnschüsse in die Luft abgeben." Davon stehe in dem entdeckten Schießbefehl nichts.

"Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe"

Das in der Magdeburger Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde entdeckte Dokument befahl einer Spezialeinheit des DDR-Geheimdienstes, deren Angehörige als normale Grenzsoldaten getarnt waren, das sofortige Schießen auf flüchtende Grenzsoldaten, selbst wenn diese Frauen und Kinder mitnahmen, erklärte Schulze. Dies sei empörend. In der Berliner Dienstanweisung vom 1. Oktober 1973 heißt es: "Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zunutzegemacht haben."

Der Leiter der Magdeburger Außenstelle, Jörg Stoye, sprach in der Zeitung von einem "aufsehenerregenden und für die Erforschung sowie Aufarbeitung der Stasi-Geschichte höchst bedeutsamen Fund". Der Sprecher der Berliner Behörde unter Leitung von Marianne Birthler sieht in dem spektakulären Dokument auch einen Beleg für die dringend notwendige Fortsetzung der Aufarbeitung. "Es zeigt: Die Geschichte der DDR ist noch längst nicht zu Ende erzählt", sagte Schulze. Besonders für die Jugend sei es wichtig, die ganze Wahrheit zu erfahren. "Gerade, weil bis heute ehemalige Regime-Vertreter versuchen, die Geschichte im Nachhinein umzudeuten."

Die Angehörigen der von 1968 bis 1985 bestehenden Stasi-Einheit sollten die Flucht anderer Soldaten im Grenzbezirk Magdeburg verhindern. Der siebenseitige Befehl wurde in den Akten eines Unterfeldwebels gefunden, der von 1971 bis 1974 in den Grenztruppen der DDR eingesetzt war. Laut Zeitung war der Stasi-Spitzel ein speziell ausgebildeter Einzelkämpfer, der die "Fahnenflucht" seiner Kameraden verhindern sollte. Allein von 1971 bis 1974 seien dem Bericht zufolge 144 Soldaten in den Westen geflohen. Insgesamt seien es mehr als 2800 gewesen. Allein an der Berliner Mauer starben 133 DDR-Flüchtlinge. (mit dpa)

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