Stasi : Jugendsünde oder Rücktrittsgrund?

Stasiakten-Verwalter Hans Altendorf gerät wegen früherer Aktivitäten unter Druck.

von
327501_0_51d15b59.jpg
Foto: BPA

Berlin - Die Vergangenheit holt den Direktor der Stasiunterlagenbehörde, Hans Altendorf, ein: Der Jurist und Politikwissenschaftler, 1949 in Oldenburg geboren, soll als Student in Gruppierungen mitgewirkt haben, die vom Verfassungsschutz als kommunistische Tarnorganisationen eingestuft wurden. Altendorf sei ab Anfang der 70er Jahre sowohl in dem vom KGB gelenkten Weltfriedensrat als auch in der von der DDR beeinflussten Initiative „Weg mit den Berufsverboten“ maßgeblich tätig gewesen, berichtete die „Welt“.

Lässliche Jugendsünde oder Verfehlung, die ihn als Aktenverwalter untragbar macht? Behördenchefin Marianne Birthler stellte sich hinter ihn: Es gebe für sie keinen Grund, Altendorf ihr Vertrauen zu entziehen. Er habe aus seinem politischen Engagement vor 40 Jahren nie einen Hehl gemacht. „Im Übrigen wäre es bei den routinemäßigen Sicherheitsüberprüfungen ans Licht gekommen, wenn es bei Hans Altendorf Sachverhalte gegeben hätte, die ihn für ein öffentliches Amt disqualifizieren.“ Behauptungen, die Behörde vernachlässige die Erforschung der Westarbeit der Stasi, wies sie als „absurd“ zurück.

Hatten einige Politiker sowie Opfer- und Aufarbeitungsverbände schon vor Birthlers Stellungnahme Zweifel an Altendorfs Eignung geäußert und gemahnt, die Vorwürfe durch unabhängige Experten prüfen zu lassen, stießen dann Birthlers Äußerungen bei einigen von ihnen auf Befremden. Es sei „schlicht falsch“, dass die Fakten über Altendorf bekannt gewesen seien, teilte etwa das Bürgerkomitee Leipzig mit. Birthlers Argumentation erschüttere die Glaubwürdigkeit der Behörde massiv. Die Berliner CDU forderte Altendorf auf, bis zur Klärung der Vorwürfe sein Amt ruhen zu lassen. Die Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft verlangte eine „schnelle Ablösung des Altkommunisten Altendorf“. Es sei ein „schlimmer Eklat“, dass einer, „der den Tätern mit Sicherheit sehr nahe stand, und das ganz freiwillig und bewusst“, heute die Beweisakten der Verbrechen verwalte.

In einem Brief an die 17 Mitglieder des Beirats der Stasiunterlagenbehörde schlägt Altendorf selbst ein Gespräch mit dem Gremium vor. Er bedauere „nicht erst heute, dass vor 35 bis 40 Jahren mein politischer Fokus einseitig auf den ,Westen’, in dem ich lebte, gerichtet war und dass ich die Diktaturen im Osten mit ihren Menschenrechtsverletzungen nicht mit gleicher Aufmerksamkeit betrachtet habe wie die der westlichen Hemisphäre. Die Zusammenarbeit mit dem Weltfriedensrat halte ich seit langem für einen politischen Fehler und Irrtum“. „Abwegig“ sei „die Insinuation, diese damaligen politischen Auffassungen würden meine heutige Amtsführung bestimmen können“.

Beiratsmitglied Horst Möller, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, hält die Debatte für „stark übertrieben“. Möller sagte dem Tagesspiegel, er habe selbst als Student beziehungsweise wissenschaftlicher Assistent in Berlin diese Art kommunistischer Organisationen bekämpft. Insofern stehe er „auf der anderen Seite“ und lehne Altendorfs damalige Aktivitäten entschieden ab. Aber da es nach seiner Kenntnis keine Anhaltspunkte für eine Stasitätigkeit Altendorfs gebe, hätten die Vorwürfe mit seiner Tätigkeit als Direktor der Behörde nichts zu tun. „Ich sehe keinen Grund, ihm zu misstrauen oder von einer Verfehlung in seiner derzeitigen Tätigkeit auszugehen.“ Altendorf habe sich längst von seinen früheren Anschauungen gelöst. „Es geht hier nicht um einen kriminellen Akt, sondern um eine damalige politische Verranntheit. Man muss ihm einen Lernprozess zugestehen“, sagte Möller. Für einen Rücktritt gebe es seines Erachtens keine Begründung.

Der für die Stasiunterlagenbehörde zuständige Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hat unterdessen den Beiratsvorsitzenden Richard Schröder gebeten, eine Sondersitzung des Gremiums einzuberufen. „Hierbei wird es nicht nur um formale dienstrechtliche Aspekte gehen, sondern im Hinblick auf Opfer und Verfolgte ist auch die Frage von Glaubwürdigkeit und Integrität mit einzubeziehen“, fordert der Staatsminister. Die Kontroverse schade dem Ansehen der Behörde.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar