Politik : Stasi-Offizier bestreitet Schuld und beruft sich auf die Befehlslage

Eberhard Löblich

Vor dem Magdeburger Landgericht hat am Montag der Prozess gegen den ehemaligen DDR-Grenzsoldaten Ewald Sch. begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann Totschlag vor. Gemeinsam mit zwei anderen Grenzern soll der heute 63-Jährige im August 1963 einen Flüchtling an der innerdeutschen Grenze zwischen den Orten Hohegeiß im Westharz und Sorge im Ostharz erschossen haben, obwohl der Mann aufgrund eines Knöcheldurchschusses fluchtunfähig war und sich zudem bereits im Niemandsland zwischen den beiden deutschen Staaten befunden habe.

Einer der drei ehemaligen Grenzer ist bereits verstorben, das Verfahren gegen einen zweiten ist gestern abgetrennt und vorübergehend eingestellt worden, weil er aufgrund eines amtsärztlichen Gutachtens als verhandlungsunfähig gilt.

Der Angeklagte Sch. bestreitet den Vorfall nicht, ist sich aber bis heute keiner persönlichen Schuld bewusst. "Wir sind damals aufgrund der Befehlslage angewiesen gewesen, Grenzübertritte in beide Richtungen zu verhindern", sagte er in seiner gestrigen Aussage. "Zudem wurden wir von den Vorgesetzten vergattert, im Notfall bis zum Äußersten zu gehen, um Grenzverletzer dingfest zu machen." Von daher habe er nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt und sich bis heute keinerlei Vorwürfe zu machen.

Der Fluchtversuch des Ehepaares K. war damals kurz vor dem Demarkationsstreifen entdeckt worden. Während Margit K. liegen blieb, später festgenommen und wegen versuchter Republikflucht verurteilt wurde, sprang ihr Mann auf und rannte auf die Grenze zu. Die drei Grenzer gaben zunächst mehrere Warnschüsse ab und schossen dann gezielt auf die Beine des Flüchtlings. Mit einem Fußknöchel-Durchschuss suchte dieser Schutz in einem Gebüsch. Daraufhin schossen die drei Grenzer der Anklageschrift zufolge mehrere Salven aus ihren Maschinenpistolen auf das Gebüsch ab und trafen den Flüchtenden tödlich. Der Angeklagte habe den Leichnam anschließend auf das Staatsgebiet der DDR zurückgezogen, so der Vertreter der Staatsanwaltschaft.

Während Ewald Sch. vor Gericht darauf verwies, dass nicht feststehe, wer von den drei Grenzern damals die tödlichen Schüsse abgegeben habe, sagen Akten des Ministeriums für Staatssicherheit etwas anderes. Denn Sch. war in Doppelfunktion bei dem Grenzregiment tätig. Er war zudem Offizier im besonderen Einsatz (OibE) der Stasi, brachte es in dieser Funktion immerhin bis zum Major des MfS. Für die tödlichen Schüsse wurde er seinerzeit MfS-Unterlagen zufolge mit der Verdienstmedaille für vorbildlichen Grenzdienst sowie mit einer Geldprämie ausgezeichnet.

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