Politik : Statistik des Todes

Laut einer Studie kamen infolge des Irakkriegs 100 000 Zivilisten ums Leben – vor allem Frauen und Kinder

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London/Berlin Die Gefahr eines gewaltsamen Todes ist im Irak seit dem Krieg 58-mal größer als zur Zeit der Herrschaft von Saddam Hussein. Das ist das Ergebnis einer Studie amerikanischer und irakischer Gesundheitsexperten, die die Fachzeitschrift der britischen Ärzte, „The Lancet“, veröffentlichte. Demnach seien seit März vergangenen Jahres schätzungsweise 100 000 Zivilisten umgekommen, die meisten davon Frauen und Kinder.

Auf diese Zahl kamen die Wissenschaftler der „School of Public Health“ in Baltimore/USA, indem sie knapp tausend Haushalte im Irak nach verstorbenen Angehörigen befragten. Verlässliche Auskünfte gibt es nur über die Gefallenen der Alliierten, denn irakische Behörden führen keine Statistik. Es sei schwer, verlässliche Informationen zu bekommen, sagt Ruth Jüttner, Nahost-Referentin bei Amnesty International in Deutschland. Journalisten und Hilfsorganisationen versuchten zwar, Infos zusammenzutragen, etwa aus Kliniken. Doch häufig gebe es unterschiedliche Verlautbarungen, „deren Wahrheitsgehalt nicht überprüfbar ist“. Besonders kompliziert sei es, Angaben aus Städten zu machen, die nicht unter Kontrolle der Alliierten stehen. Dort gebe es keine Möglichkeit, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen.

Auch der Thinktank „Brookings Institution“ in Washington müht sich, Statistiken zu erstellen. Eine Kommission trägt für den „Iraq Index“ dreimal pro Woche Informationen aus Zeitungen, Nachrichtenagenturen und Behördenberichten zusammen. So zählen die Forscher nach aktuellstem Stand insgesamt 1102 getötete US-Kämpfer seit März vergangenen Jahres. Seit Kriegsende seien zudem 35 britische Soldaten gestorben, 33 während des Krieges. Andere Alliierte hätten in der Nachkriegszeit 72 Armeeangehörige verloren. Außerdem seien 1500 Rekruten der irakischen Sicherheitskräfte getötet worden. 750 irakische Polizisten seien seit Beginn dieses Jahres gestorben.

Vom Kriegsende bis September 2004 starben laut „Brookings Institution“ zudem zwischen 15 200 und 31 400 irakische Zivilisten sowie 213 Zivilisten aus anderen Ländern. Die Bagdader Scheich- Omar-Klinik meldete den Wissenschaftlern 10 363 tote Zivilisten bis Anfang September in Bagdad und der näheren Umgebung, bis zu 30 000 seien es im ganzen Land. Amnesty International hat seit Kriegsausbruch ebenfalls mehr als 10 000 Tote um Bagdad errechnet. Andere Menschenrechtsorganisationen sprechen von mehr als 30 000 Toten im Land. Irakische Quellen geben um die 40 000 Opfer an. Auch auf der Internetseite „iraqbodycount.net“ versuchen Wissenschaftler, Todesfälle aus mindestens zwei unabhängigen Quellen, meist aus den Medien, nachzuvollziehen. Statt genauer Zahlen nennen sie einen Minimal- und Maximalwert. Sie kommen auf vergleichsweise wenige Opfer - zurzeit sind es zwischen 14 160 und 16 289.

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