Statistik : Mit Mut zum Kind

Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche sinkt. Experten zufolge liegt das auch am besseren Betreuungsangebot.

Verena Friederike Hasel
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Mehr Kinderbetreuung, weniger Abtreibungen. Nach Expertenmeinung geht diese Rechnung auf. -Foto: dpa

In Deutschland haben im vergangenen Jahr weniger Frauen abgetrieben als im Jahr zuvor. Und auffällig ist nach Expertenmeinung, dass die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche vor allem dort zurückging, wo viel für Kinderbetreuung getan wird. „Der Frauengeneration heute ist es wichtig, im Beruf nicht zu lange auszusetzen“, sagt Eva Zattler von der Beratungsstelle Pro Familia in München.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sank die Zahl der Abtreibungen von 119 710 im Jahr 2006 auf 116 871 im Jahr 2007. Besonders stark war der Rückgang bei verheirateten Frauen, hier verringerten sich die Abbrüche um fünf Prozent auf 48 786. Bei minderjährigen Schwangeren entschieden sich gar sechs Prozent weniger als noch 2006 für eine Abtreibung; ihre Zahl lag im Vorjahr bei 6175.

Rückläufig sind Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland bereits seit 2001. „Wir haben in Sachen Verhütung Fortschritte gemacht“, kommentierte Zattler den Rückgang bei verheirateten Frauen. Schwangerschaften seien häufiger als früher geplant. Außerdem bemerkt die Beraterin einen „kleinen Optimismus“ durch den wirtschaftlichen Aufschwung, der sich auch in der Familienplanung niederschlage.

Im Zusammenhang mit Teenagerschwangerschaften plädiert Gunter Schmidt, früherer Bundesvorstand von Pro Familia und Professor am Institut für Sexualforschung am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, für eine rezeptfreie Pille danach. „Über ihr liegt in Deutschland immer noch ein Schleier des Vorurteils“, sagt er. An Wochenenden sei es aufgrund der geltenden Verschreibungspflicht eine logistische Leistung, sie überhaupt zu bekommen.

Mit der Entscheidung von Minderjährigen für ein Kind hat sich Schmidt in einer Studie befasst. Befragt wurden 2300 schwangere Mädchen, die eine Beratungsstelle aufsuchten. 90 Prozent dieser Schwangerschaften waren ungewollt und trotz Verhütung entstanden. „Wer weiß schon, dass Johanniskraut die Pillenwirkung herabsetzt?“ Gegen eine Abtreibung entschieden sich vor allem sozial benachteiligte Mädchen. So war bei Hauptschülerinnen die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich für ihr Kind entschieden,fünf Mal höher als bei Gymnasiastinnen.

„Eine Lebensperspektive ist das größte Hemmnis für die Austragung einer Schwangerschaft“, sagt Schmidt. Benachteiligte Mädchen neigten dazu, in der Mutterschaft die Aufgabe zu sehen, die ihnen bis dahin gefehlt hatte. Im Freundeskreis erführen sie durch ihre neue Rolle Anerkennung. Eine aktuelle Studie aus Schweden bringt ähnliche Ergebnisse: Eva Nissen von der Uni Stockholm verglich über ein Jahr Mütter zwischen 15 und 19 und Mütter zwischen 25 und 29 Jahren. Sie stellte fest, dass Teenagermütter öfter eine konfliktreiche Beziehung zu den eigenen Eltern, Schulprobleme sowie Depressionen hatten.

Auch wenn Deutschland mit acht bis neun Schwangeren pro tausend minderjährigen Mädchen immer noch hinter Großbritannien und zusammen mit den skandinavischen Ländern in Europa am unteren Ende liegt, betont Monika Häußler-Sczepan von der Hochschule Mittweida, wie wichtig es sei, sich gezielt um Teenagermütter zu kümmern. „Unsere alternde Gesellschaft kann es sich nicht leisten, die Kinder, die sie hat, zu vernachlässigen.“ Die Sozialwissenschaftlerin hat Schwangerschaftsberater in Sachsen befragt und bekam die Ergebnisse der Pro-Familia-Studie bestätigt. „Junge Frauen sehen die Mutterschaft als Aufwertung der eigenen Person und Chance zur gesellschaftlichen Teilhabe“, sagt sie.

Ulrike Busch, die eine ähnliche Untersuchung in Berlin und Brandenburg durchführte, stellte sogar deutliche regionale Unterschiede fest: In ärmeren Gegenden wie der Uckermark und der Prignitz bekämen viele Minderjährige Kinder, in reicheren Regionen wie Potsdam sei der Anteil älterer Frauen unter den Müttern deutlich höher. „Für benachteiligte Mädchen ist das Elterngeld oft das erste eigene Geld überhaupt“, sagt Busch.

Häußler-Sczepan und Busch fordern mehr Mutter-Kind-Häuser und andere Angebote für Teenagermütter. In Markkleeberg bei Leipzig organisiert das Familienzentrum Lichtblick etwa einmal im Monat ein Treffen von jungen Müttern und ihren Kindern unter der Regie einer Sozialpädagogin. „Die Mädchen passen nicht zu den Müttern in einer normalen Krabbelgruppe“, sagt die Leiterin Kerstin Leubner. „Sie haben anders gelagerte Probleme. Hier sind sie unter ihresgleichen.“ Einige der etwa 20 Mütter seien schon seit 2005 dabei und berieten neu hinzukommende Mütter. „Wir arbeiten in einem Bereich, in dem es um die Vermeidung von Kindeswohlgefährdungen geht“, sagt Leubner. Die Gefahr der Überforderung sei groß. Geboten bekommen die Mädchen daher auch Vorträge zum Kochen oder zur Kinderversorgung. Daneben ist das Auseinanderbrechen von Partnerschaften ein wichtiges Thema. Sie hielten dem Druck oft nicht stand, und die Mädchen blieben ohne den Vater des Kindes zurück.

Bei ledigen Frauen hat sich die Abtreibungszahl kaum verringert. „Alleinerziehende sehen sich stärker wirtschaftlichen Härten ausgesetzt“, sagt Sabina Schutter vom Bundesverband für alleinerziehende Mütter und Väter. Ihre langfristige Absicherung sei wünschenswert – damit ihnen die Entscheidung für ein Kind leichterfalle.

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