Statistik : Zahl der Abtreibungen auf neuem Tiefstand

2008 haben in Deutschland erneut weniger Frauen abgetrieben als im Vorjahr. Die Zahl geht seit dem Jahr 2004 kontinuierlich zurück.

Die Zahl der Abtreibungen in Deutschland hat 2008 den niedrigsten Stand seit der gesetzlichen Neuregelung 1996 erreicht. Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden zählte im vergangenen Jahr 114.500 Schwangerschaftsabbrüche. Dies waren zwei Prozent oder 2400 Schwangerschaftsabbrüche weniger als 2007, berichtete die Behörde. Die Zahl der Abtreibungen ist seit 2004 kontinuierlich zurückgegangen. Ihren Höchststand erreichte sie 2001 mit 134.964 Fällen.

Über 97% der gemeldeten Abbrüche wurden laut Bundesamt nach der Beratungsregelung vorgenommen. Dabei kann sich eine Frau bis zur zwölften Schwangerschaftswoche für den Abbruch entscheiden, wenn sie vorher an einem Beratungsgespräch teilgenommen hat. Nur in sehr wenigen Fällen waren medizinische und kriminologische Indikatoren - etwa Gefährdung der Mutter oder Vergewaltigung - der Grund für die Abtreibung. Seit dem 1. Oktober 1995 sind Eingriffe in diesen Fällen straffrei.

Zahlen auch im internationalen Vergleich niedrig

Regine Wlassitschau vom Bundesverband pro familia in Frankfurt führt den Trend zu weniger Abtreibungen auch auf diese gesetzliche Änderung zurück: "Man kann beobachten, dort wo man sich einsetzt für Aufklärung, Verhütungsmittel und Verhütungswissen - und gleichzeitig legaler Zugang zu Abtreibung möglich ist -, dort sind die Abtreibungszahlen am geringsten". Im internationalen Vergleich gehörten die Abbruchzahlen in Deutschland und den Niederlanden zu den niedrigsten.

Jede 20. Frau, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschied, war laut Bundesstatistik jünger als 18 Jahre. In dieser Altersgruppe gingen die Abbrüche um 800 auf rund 5300 zurück. Etwa drei Viertel der Frauen (73 Prozent) waren zwischen 18 und 34 Jahren alt, 15 Prozent zwischen 35 und 39 Jahren. Fast acht Prozent der Frauen waren 40 oder älter. Viele der abtreibenden Frauen sind bereits Mütter: Für 59 Prozent wäre es nicht das erste Kind gewesen. "Diese Zahl wird nicht zur Kenntnis genommen", sagt Wlassitschau. Oft herrsche noch das Bild der egoistischen Frau. Die Statistik aber spiegele nicht Frauen mit kinderfeindlicher Einstellung wider. Vielmehr stellten sich mehr Frauen der Frage, ob sie ein weiteres Kind haben wollen oder können.

Soziale Gründe für Abtreibungen

Gründe für die Abtreibung gibt es laut pro familia viele. Immer häufiger träfen die Fachfrauen in der Schwangerenkonfliktberatung auf soziale Sorgen. Angst vor Arbeitslosigkeit, Armut oder davor, den beruflichen Anschluss zu verpassen, seien für immer mehr Frauen ausschlaggebend, sich gegen das Kind zu entscheiden. Claudia Lissewski von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) bestätigt diesen Eindruck. Eine Umfrage unter den Schwangerschaftsberatungsstellen der AWO habe ergeben, dass auch das veränderte Elterngeld nur einen begrenzten Anreiz biete. Hinter dem allgemeinen Rückgang vermutet Lissewski auch die demographische Entwicklung in Deutschland. Die Zahlen der Geburten seien seit Jahren rückläufig, es gebe insgesamt weniger Schwangere und somit auch weniger Schwangerschaftsabbrüche, sagt sie.

Fast alle Abbrüche (97 Prozent) wurden ambulant durchgeführt. Der Großteil der Schwangerschaften (74 Prozent) wurde mittels Absaugmethode beendet. Hatten 2007 noch acht Prozent das Medikament Mifegyne benutzt, so waren es 2008 zwölf Prozent. Im internationalen Vergleich sei der Anteil der medikamentösen Abtreibung in Deutschland noch immer gering, kritisiert pro familia. Befragungen der Gesellschaft für Familienplanung und Sexualberatung hätten ein immer noch großes Informationsdefizit gegenüber der Methode ergeben. Dabei sei diese sicher. (jvo/AFP)

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