Politik : „Steckt die Mörder ins Gefängnis“

Nach der Explosion auf Zypern wächst die Wut in der Bevölkerung

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Nach dem schweren Explosionsunglück, das am Montagmorgen auf der Insel Zypern zwölf Todesopfer forderte, kommt Staatschef Dimitris Christofias unter wachsenden Druck. Tausende wutentbrannte Demonstranten versuchten am Dienstagabend, den Präsidentenpalast in Nikosia zu stürmen. Sie forderten den Rücktritt des Staatschefs, dem sie eine Mitschuld an dem Unglück geben. „Steckt die Mörder ins Gefängnis“, hieß es auf einem Spruchband. Mit Sprechchören forderten die Demonstranten „Nieder mit der Christofias-Junta“. Mit massivem Einsatz von Tränengas vertrieb die Polizei die Menge schließlich.

Am Montag waren auf einer Marinebasis der griechisch-zyprischen Nationalgarde an der Südküste der Insel zwei randvoll mit Munition gefüllte Container explodiert. Die zyprische Küstenwache hatte Anfang 2009 nach einem Tipp der USA die Munitionskisten an Bord des russischen Frachters „Monchegorsk“ sichergestellt. Es handelte sich um eine illegale Waffenlieferung aus dem Iran, die für Syrien bestimmt war. Fast zweieinhalb Jahre lagerten die Munitionscontainer unter freiem Himmel, Wind und Wetter ausgesetzt, auf der Marinebasis „Evangelos Florakis“ – nur 300 Meter von Zyperns größtem Kraftwerk entfernt. Die Explosion, die vermutlich durch einen Buschbrand ausgelöst wurde, verwüstete die Marinebasis. Das benachbarte Kraftwerk, das rund die Hälfte des Strombedarfs der Insel deckt, wurde schwer beschädigt und ist möglicherweise auf Jahre außer Betrieb. Wegen der Strom-Engpässe mussten die Meerwasser-Entsalzungsanlagen stillgelegt und das Trinkwasser rationiert werden – mitten in der Touristensaison. Zyperns Wirtschaftsminister Antonis Paschalides spricht von einer „Tragödie biblischen Ausmaßes“.

Viele Medien wählen andere Worte: Von „kriminellen Versäumnissen“ schreibt die englischsprachige „Cyprus Mail“. Tatsächlich kam das Unglück nicht aus heiterem Himmel. Fachleute hatten seit 2009 vor der Explosionsgefahr gewarnt – unter ihnen auch der Kommandeur der Marinebasis, der bei dem Unglück ums Leben kam. Doch die Regierung schenkte ihnen kein Gehör. Die Munition sei so harmlos, dass man sie sogar in einem Wohngebiet lagern könne, erklärte Verteidigungsminister Kostas Papakostas. Zum Glück setzte er diesen wahnwitzigen Plan nicht in die Tat um. Nach der Katastrophe trat Papakostas zurück.

Doch jetzt kommt Staatspräsident Christofias zunehmend in die Kritik. Die Opposition fordert seinen Rücktritt. Dem Altkommunisten Christofias wird nicht nur Inkompetenz und Entscheidungsschwäche vorgeworfen. Christofias habe sich auch aus politischem Kalkül dagegen gesperrt, die Munition zu vernichten, obwohl es Angebote der USA, Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens gegeben habe, bei der Entsorgung der explosiven Container zu helfen. Der zyprische Regierungssprecher Stefanos Stefanou behauptet, die Regierung habe die Munition loswerden wollen, sei daran aber durch die Vereinten Nationen gehindert worden. Zyprische Zeitungen berichten hingegen, Staatspräsident Christofias habe im August 2009 angeordnet, die Munition auf der Marinebasis zu belassen. Christofias plante für den Herbst 2009 einen Besuch in Syrien und habe den Despoten Baschar al Assad nicht verärgern wollen, berichtet die „Cyprus Mail“.

Bestätigt wird diese Darstellung durch Telegramme der US-Botschaft in Zypern an das State Department in Washington, die von der Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlicht wurden. Darin meldet der damalige US-Botschafter Frank Urbanic an Außenministerin Hillary Clinton, Christofias habe aus Rücksicht auf Syrien die Verlagerung oder Entsorgung der Munition abgelehnt.

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