Steinbrücks Team : Vom Verzicht auf Beinfreiheit

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Eines kann man Peer Steinbrück bei der Zusammenstellung seines Kompetenzteams wirklich nicht vorwerfen, nämlich dass er dabei jedes einzelne Soziotop aus der facettenreichen Welt des Willy-Brandt-Hauses berücksichtigt hätte. Weder eine Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der sozialdemokratischen Frauen noch ein klassenkämpferischer Juso dürfen den Kanzlerkandidaten der SPD im inneren Kreis seiner Mannschaft öffentlichkeitswirksam unterstützen.

Dabei hat der Ex-Finanzminister wie schon beim Wahlprogramm viel Rücksicht genommen auf Wünsche seiner Partei, womöglich mehr Rücksicht, als seinem Ruf als Klartextredner guttut. Den Agenda-Kritiker Klaus Wiesehügel ins Team zu holen, mag den Traditionsflügel der SPD besänftigen. Die Glaubwürdigkeit des erklärten Ökonomen Steinbrück stärkt die Entscheidung nicht.

Von der Beinfreiheit, die er für sich in Anspruch nahm, hat Steinbrück auch in seiner Personalauswahl keinen Gebrauch gemacht. Er verzichtete darauf, seine Partei zu provozieren. Er wählte keine Persönlichkeit aus, die über den Kosmos der SPD hinausstrahlt. Die Designforscherin Gesche Joost vertritt eine junge, neue Kommunikationskultur, aber keinen anderen, weiteren politischen Entwurf.

Große Namen hat der Merkel-Herausforderer in seinem Zwölfer-Team nicht aufgeboten. Über den politischen Betrieb hinaus sind neben Wiesehügel nur wenige Mitglieder bundesweit bekannt, so Brigitte Zypries für ihre Arbeit als Justizministerin in der Vergangenheit oder Thomas Oppermann für seine energisch- freundliche politische Präsenz wie für seinen Ehrgeiz, in Zukunft eine größere, ja große Rolle zu spielen.

Aus früheren Wahlkämpfen in Erinnerung geblieben sind vor allem Konflikte um Neulinge in Wahlkampfteams. Gerhard Schröders Schattenwirtschaftsminister Jost Stollmann warf nach der Wahl hin. Mit der unverheirateten Mutter Katherina Reiche provozierte Edmund Stoiber vier Jahre später seine konservative Klientel. Und Professor Paul Kirchhof bot 2005 so viel Angriffsfläche, dass Angela Merkel fast die Wahl verlor.

Nüchtern betrachtet, hat ein Wahlkampfteam zwei Aufgaben: Seine Auftritte schaffen Anlass für Berichterstattung und Medienaufmerksamkeit. Die Schattenminister wirken als Multiplikatoren in jene Zielgruppen hinein, aus denen sie kommen. Womöglich ist es aus der Anlage des SPD-Wahlkampfs heraus folgerichtig, dass Steinbrück nun kein Schwergewicht aufbietet, das alle anderen überstrahlt. Es geht nicht zuerst um Personen, die Sozialdemokraten wollen die Kanzlerin nicht persönlich herausfordern. Dazu ist sie zu populär, ist der Abstand zum Kandidaten zu groß.

Stattdessen setzen die Sozialdemokraten auf einen thematischen Wahlkampf, der sich um ihren Markenkern soziale Gerechtigkeit dreht. Sie wollen Merkels Beliebtheit gleichsam unterlaufen. Dabei orientieren sie sich an Niedersachsen: Dort war der CDU-Ministerpräsident David McAllister noch weit populärer, als es gegenwärtig die Kanzlerin ist. Trotzdem siegte im Endspurt Rot-Grün.

Von diesem Ziel ist die SPD im Bund weit entfernt. Aber nicht nur eigene Leistungen bringen Wahlkämpfer voran, sondern auch Fehler des Gegners. Dass die Kanzlerin einer schwarz-gelben Koalition nun plötzlich eine Mietpreisbremse vertritt und milliardenschwere Leistungen verspricht, ist deshalb womöglich die wichtigere Nachricht als die von der Komplettierung von Steinbrücks Wahlkampfteam.

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