Politik : "Steinerne Nächte": Erbe der Gewalt

Gerald Glaubitz

Die Zahl der Publikationen zur Sowjetunion ist gerade in den letzten Jahren unüberschaubar geworden. Dies hat vor allem mit der nach wie vor für den westlichen Beobachter schwer verständlichen politischen und ökonomischen Situation im heutigen Russland zu tun, aber auch mit den Machtkonstellationen und -mechanismen vor der Kamera und hinter den Kulissen. Diese entziehen sich oftmals westlichem Verständnis.

Wissenschaftliche Deutungen aus politologischer und historischer Perspektive versprechen und liefern deshalb mitunter brauchbare Erklärungsansätze und Hypothesen über die künftige Entwicklung in Russland. Sie besitzen aber trotz vielfacher Scharfsichtigkeit zumeist einen kaum zu unterschätzenden Nachteil: Sie nehmen häufig die Außenperspektive des von westlichen Vorstellungen geprägten "Schreibstubengelehrten" ein, welcher zwar zahlreiche Akten der russischen Archive kennt, aber nur selten den Bezug zum Alltag, zur Lebenswelt und den Mentalitäten findet.

Ganz anders Catherine Merridale in ihrem nun in deutscher Übersetzung erschienenen hervorragenden Buch - eine gelungene Kombination aus fundierter sozialwissenschaftlicher Untersuchung und journalistischer Reportage.

Man hat schon nach den ersten Seiten der Geschichtsprofessorin aus Bristol den Eindruck, dass hier eine Autorin schreibt, welche die UdSSR beziehungsweise Russland und seine Menschen aus eigenem langjährigen Erleben an Ort und Stelle kennt. Die in jeder Zeile spürbare Leidenschaft für Russland und die Betroffenheit vom "Leiden und Sterben" etwa im System des Gulag wurden nicht am Schreibtisch entwickelt. Ihre Einfühlsamkeit lässt die Historikerin aber keineswegs in Sentimentalitäten und in pures Mitleiden abgleiten. Im Gegenteil: Gerade die im Buch verarbeiteten zahlreichen Interviews und die im Alltag beobachteten Traumata der Menschen liefern erst den Schlüssel zu einem tieferen Verständnis der Akten aus Archiven.

Dabei erschließen sich langlebige historische Strukturen und kollektive psychologische Prägungen der sowjetischen Menschen. Einige "Grundkonstanten" vom späten Zarismus bis heute werden deutlich: Die aufgrund der zahlreichen "Katastrophen" der russischen Geschichte höhere Sterblichkeitsrate der Menschen, die Brutalisierung der Gesellschaft, das tief verwurzelte Erbe der Gewalt und die kollektiven Traumata, die eine im westlichen Sinne demokratische Entwicklung der Gesellschaft bis heute erschweren oder sogar unmöglich machen.

Seien es die gegen individuelles und kollektives menschliches Leid gleichgültige Politik der zaristischen Autokratie und die Gewalt des Staates, die die Autorin etwa anhand eines Gemetzels an friedlichen Demonstranten beim Petersburger "Blutsonntag" im Jahre 1905 schildert. Seien es die systematischen, schon unter Lenin begonnenen Repressalien gegen Geistliche, die gleichsam als Reflex und Spiegelbild des Zarismus erscheinen. Sei es die mit brutalsten administrativen Methoden durchgeführte Zwangskollektivierung und "Enkulakisierung" mit Massenhunger und -tod, die in den paranoiden Terror Josef Stalins der "Großen Säuberung" zwischen 1936 und 1938 mündeten. Aber auch das im Begriff des "Großen Vaterländischen Krieges" zum nationalen, heroischen Abwehrkampf stilisierte massenhafte Sterben von Armee- und Partisaneneinheiten, die mit unglaublicher Härte und Brutalität sich dem Vernichtungskrieg von deutscher Wehrmacht und Sondereinheiten zwischen 1941 und 1945 entgegenstemmten.

Alles dies wirkt bis heute nach und hat seine Spuren in der kollektiven Psyche hinterlassen. Dabei veranschaulicht Merridale dem Leser en passant eine zentrale Kategorie zum Verständnis der russischen Geschichte: die der ökonomischen, politischen, vielleicht sittlichen Rückständigkeit.

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