• Steinmeier im Interview: „Es fehlt nicht an Regeln im Umgang zwischen Männern und Frauen“

Steinmeier im Interview : „Es fehlt nicht an Regeln im Umgang zwischen Männern und Frauen“

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier zur Sexismusdebatte, über Angela Merkels Regierung und Bedingungen seiner Partei für EU-Hilfen an Zypern.

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"So schwierig sind die Dinge doch nicht: Missverständnisse vermeidet man am besten dadurch, dass man professionelle Distanz wahrt." - SPD-Fraktionschef Frank Walter Steinmeier.
"So schwierig sind die Dinge doch nicht: Missverständnisse vermeidet man am besten dadurch, dass man professionelle Distanz...Foto: Mike Wolff

Seit gut einer Woche wird in Deutschland über den richtigen Umgang der Geschlechter gestritten. Lassen Sie uns über Sexismus reden, Herr Steinmeier. Was ist das?

Es geht in der aktuellen Debatte doch nicht um Definitionen, sondern es geht dabei ganz offensichtlich um die Erfahrung vieler, meistens Frauen, die unangemessene Annäherung oder Verletzung zwischenmenschlicher Distanz erlebt haben. Und es geht um jene – und zwar nicht nur in der Politik –, die sich in Abhängigkeitsverhältnissen bei Annäherungsversuchen ohnmächtig gefühlt haben.

Die Diskussion hat im Internet geradezu einen Aufschrei produziert. Überrascht Sie die Emotionalität der Diskussion in der Öffentlichkeit?

Das Ausmaß hat mich nicht überrascht, weil ja nicht neu ist, dass viel zu viele im Arbeitsleben solche Erfahrungen gemacht haben. Überrascht hat mich die Bereitschaft, darüber öffentlich zu diskutieren. Wenn in den sozialen Netzwerken mehr als 60 000 Menschen, überwiegend Frauen, ihre Erfahrungen mit Sexismus zum Thema machen, dann kann und darf Politik das nicht ignorieren.

Wie soll sich Politik darum kümmern, braucht man Gesetze oder Verordnungen?

Die Debatte meiner Fraktion darüber hat gerade erst begonnen und wir werden sie mit großer Ernsthaftigkeit führen. Ich persönlich bin skeptisch, dass wir das Verhältnis der Menschen für jede Lebenssituation reglementieren können. Allerdings kann die aktuelle Diskussion Anlass sein, überkommene Rollenmuster bei der Begegnung von Mann und Frau in der Politik, in der Wirtschaft, wohl auch in Kultur und Medien zu überdenken.

Frank-Walter Steinmeier
Am Sonntag, 12. Februar 2017, wurde Frank-Walter Steinmeier zum zwölften Bundespräsidenten der Bundesrepublik gewählt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Odd Andersen/ AFP
14.11.2016 11:45Am Sonntag, 12. Februar 2017, wurde Frank-Walter Steinmeier zum zwölften Bundespräsidenten der Bundesrepublik gewählt.

Soll es einen Verhaltenskodex geben?

Fehlt der wirklich? Ist wirklich unbekannt, wie sich Vorgesetzte gegenüber Mitarbeitern, wie sich Männer gegenüber Frauen insbesondere in Abhängigkeitsverhältnissen verhalten sollten? Ich glaube, es fehlt nicht an Regeln, sondern hin und wieder an der Bereitschaft, sich daran zu halten. Und so schwierig sind die Dinge doch auch nicht: Missverständnisse beim Gegenüber vermeidet man am besten dadurch, dass man professionelle Distanz wahrt.

Was bedeutet das für das Verhältnis von Männern und Frauen im Arbeitsalltag?

Die kritische Debatte über Sexismus ist doch kein Plädoyer für Kontaktverbote. Auch nicht für einen völlig verkrampften Umgang miteinander. Es wird doch so bleiben, dass die meisten Beziehungen und Ehen aus Begegnungen im Umfeld des Arbeitsplatzes entstehen. Aber das ist keine Rechtfertigung für unangemessene Näherungen, wo es an beiderseitigem Einvernehmen fehlt.

Sexismus entsteht oft dort, wo Macht im Spiel ist. Verleitet Macht diejenigen, die sie haben, dazu, sie auszunutzen?

Ein Großteil der deutschen Romanliteratur widmet sich dem Einfluss von Status auf die Wahrnehmung von Menschen. Und selbstverständlich kann das Innehaben von Macht Risiken für die Persönlichkeitsentwicklung haben. Wer Macht hat, der ist deshalb besonders gefordert, sein Verhalten zu kontrollieren. Und am besten hat man Freunde außerhalb der Hierarchien, die einem dabei helfen.

Kommen wir zu ganz gegenwärtigen Themen der Politik: Die SPD verfügt nach dem Sieg bei der Landtagswahl von Niedersachsen über eine Mehrheit im Bundesrat. Wie wollen Sie die nutzen?

Wir wollen gestalten und den innenpolitischen Stillstand und die Lethargie in diesem Land beenden. Stephan Weil hat der SPD mit seinem Wahlsieg in Niedersachsen einen großartigen Start in dieses wichtige Jahr beschert, in dem zwei Landtage und der Bundestag gewählt werden. Das hat das Selbstbewusstsein der SPD sehr gestärkt und auch den Blick der Öffentlichkeit verändert.

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