Steinmeier und Lawrow in Wolgograd : "Verständigung über alte Feindbilder stellen"

Die Außenminister Deutschlands und Russlands erinnern trotz der Verstimmungen wegen der Ukraine-Krise gemeinsam an das Ende des Zweiten Weltkriegs - und betonen in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, das Verbindende.

Kranzniederlegung am zentralen russischen Mahnmal auf dem Mamajew-Hügel bei Wolgograd: Bundesaußenminister Steinmeier (links) und sein russischer Amtskollege Lawrow.
Kranzniederlegung am zentralen russischen Mahnmal auf dem Mamajew-Hügel bei Wolgograd: Bundesaußenminister Steinmeier (links) und...Foto: Waslili Maximow/AFP

In stillem Gedenken stehen der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier und sein russischer Amstkollege Sergej Lawrow nebeneinander an der Gedenkstätte Mamajew Kurgan über den Dächern von Wolgograd. Hier im früheren Stalingrad wurde mit der ersten großen Niederlage von Hitlers Wehrmacht der Anfang vom Ende des NS-Regimes eingeleitet, bis der Krieg vor genau 70 Jahren mit der deutschen Kapitulation endete.

Mamajew Kurgan ist ein symbolträchtiger Ort. Unter der Bezeichnung Höhe 102,0 war die strategisch wichtige Erhebung einer der am härtesten umkämpften Punkte der Stadt, rund 30.000 Soldaten beider Seiten sollen allein an diesem Hügel umgekommen sein.

Heute überragt die mehr als 50 Meter hohe, weibliche Kollossalstatue "Mutter Heimat ruft" von hier aus die darunter fließende Wolga. Im "Saal des Soldatenruhms" erinnert eine steinerne Riesenhand mit einer großen Fackel an Heldentaten der siegreichen Roten Armee.

Die Gräber einiger der Toten von damals - allein auf deutscher Seite sind mehr als 160.000 Namen bekannt - besuchte Steinmeier gleich nach seiner Ankunft am Nachmittag zusammen mit Lawrow an der Kriegsgräberstätte Rossoschka. Dort wird nicht nur an die sowjetischen Opfern erinnert, sondern mit großen Steinquadern auch an aus verstreuten Gräbern hierhin umgebettete mehr als 50.000 deutsche Soldaten.

Es gebe die Chance, "an den Gräbern Zehntausender Verständigung über alte Feindbilder zu stellen", sagt Steinmeier. Er spielt damit auf die aktuellen Konflikte mit Russland an, allen voran die Ukraine-Krise, die auch seinen Besuch an diesem Gedenktag zu einem heiklen diplomatischen Balanceakt machen. Fast täglich werden in der Ostukraine trotz des Waffenstillstandes von Minsk Soldaten in den Kämpfen zwischen der Armee der prowestlichen Regierung in Kiew und den prorussischen Separatisten getötet. Steinmeier wie auch Bundeskanzlerin Angela Merkel meiden daher eine Teilnahme an der großen Militärparade mit Russlands Präsident Wladimir Putin am Samstag in Moskau - die Kanzlerin wird erst einen Tag später dorthin kommen.

Die Positionen zur Ukraine bleiben weit auseinander

In Wolgograd nutzt Steinmeier die Gelegenheit, um erneut zu politischen Lösungen aufzurufen. Das Gedenken an die Gräuel des Zweiten Weltkrieges müsse dazu führen, dass "wir nicht alte Feindbilder unter den Völkern schüren, sondern Verständigung üben und unsere Gegensätze und Konflikte, wo sie bestehen, friedlich überwinden". Bei Gesprächen und einem gemeinsamen Abendessen mit Lawrow, der ihn bei dem gesamten Besuch begleitet, geht dann das Ringen darum hinter verschlossenen Türen weiter. Lawrow freilich sieht weiterhin die Hauptverantwortung für den Konflikt bei der Regierung der Ukraine, die Positionen bleiben weit auseinander.

Klare Worte des Bundesaußenministers: "Ich bitte um Vergebung"

Ein versöhnlicher Punkt steht am Abend auf dem Programm: Gemeinsam besuchen Steinmeier und Lawrow unter freiem Himmel das "Friedenskonzert der Symphonieorchester Wolgograds und Osnabrücks". "Die Menschen haben hier in Stalingrad die Befreiung Europas vom Nazi-Joch begonnen", sagt der deutsche Minister in seinem Grußwort auf der großen Bühne auf dem zentralen "Platz der gefallenen Kämpfer". "Dafür haben sie unermessliche Opfer gebracht, vor diesen Opfern verneige ich mich als Deutscher in Trauer." Dann folgen die wichtigen Worte: "Ich bitte um Vergebung." Und Steinmeier dankt den Menschen hier auch für ihren Beitrag zur Befreiung Deutschlands vom NS-Terror.

Die beiden Orchester spielen die Leningrader Symphonie von Dmitri Schostakowitsch, die während der Belagerung jener Stadt durch die Wehrmacht entstand. Doch auch die Musik ist nicht frei von diplomatischer Gratwanderung: Von Wolgograd fahren die Osnabrücker allein zu einem Auftritt im ukrainischen Kiew weiter. Die Wolgograder Kollegen sind dann nicht mehr dabei und das Programm ist auch ein anderes. (AFP)

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