Stellvertreterkrieg auf der Arabischen Halbinsel : Saudi-Arabien greift im Jemen ein

Seit Monaten sind schiitische Houthi-Rebellen im Jemen auf dem Vormarsch – nun schlägt eine sunnitische Allianz zurück. Angeführt wird sie von Saudi-Arabien. Damit soll vor allem der regionale Gegenspieler Iran kleingehalten werden.

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Angriff auf die Hauptstadt: Saudische Kampfjets bombardierten in der Nacht zum Donnerstag verschiedene Stellungen der Houthi in Sanaa.
Angriff auf die Hauptstadt: Saudische Kampfjets bombardierten in der Nacht zum Donnerstag verschiedene Stellungen der Houthi in...Foto: Khaled Abdullah/Reuters

Hohe Rauchwolken standen über der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. Schwere Raketenexplosionen und Maschinengewehrfeuer waren zu hören, als saudische Kampfflugzeuge am Morgen die Luftwaffenbasis Al Duleimi nahe dem Zivilflughafen sowie den von Aufständischen besetzten Präsidentenpalast angriffen. Seit Donnerstagfrüh herrscht Krieg auf der Arabischen Halbinsel. Über Monate eroberte die schiitische Houthi-Miliz im Jemen Stadt um Stadt – seit Donnerstagmorgen, kurz nach Mitternacht, schlägt eine breit aufgestellte Koalition sunnitischer Länder zurück. Für die Operation "Sturm der Entschlossenheit" stehen neben den Kampfjets rund 150.000 Soldaten für den Ernstfall bereit, angeführt wird die Allianz von Saudi-Arabien.

Mehr als 100 saudische Jets waren an den Angriffen beteiligt

Hunderte Bewohner versuchten mit ihren Habseligkeiten aus den Wohnvierteln in Sanaa zu fliehen. "Die Leute sind total verängstigt. Es ist furchtbar, überall in der Hauptstadt wird bombardiert", berichtete ein jemenitischer Journalist dem Sender Al Arabiya. Über lokale TV-Kanäle wurden alle Ärzte aufgerufen, in die Krankenhäuser zu kommen. Mindestens 13 Menschen sollen bei den Angriffen ums Leben gekommen sein, wahrscheinlich jedoch sehr viel mehr. Mehr als 100 saudische Jets waren nach Angaben aus Riad an den Angriffen beteiligt sowie 30 Flugzeuge aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und acht aus Bahrain. Man werde alles tun, um die legitime Regierung von Präsident Abed Rabbo Mansour Hadi zu verteidigen und zu schützen, erklärte der saudische Botschafter in Washington, Adel al Jubeir.

Houthi-Sprecher Mohammed al Bukhaiti dagegen sprach von einer offenen Kriegserklärung. Im Süden rückten die schiitischen Rebellen weiter auf die Hafenstadt Aden vor, in der sich Tausende von regierungstreuen Stammeskämpfer verbarrikadiert haben. Ein Teil der Angreifer wird von Ahmed Saleh, dem Sohn des 2012 gestürzten Präsidenten Ali Abdullah Saleh, kommandiert, der auf diese Weise die verlorene Macht zurückerobern will. Sein Präsidentennachfolger und Gegenspieler Hadi hat sich saudischen Medienberichten zufolge am Donnerstag nach Saudi-Arabien abgesetzt. Der Staatschef sei seit den Luftangriffen in bester Stimmung und danke den Golfstaaten, hieß es aus seiner Umgebung.

Die USA unterstützen die Angriffe mit Logistik und Aufklärung

US-Außenminister John Kerry begrüßte das militärische Vorgehen der arabischen Alliierten und beriet in einer Telefonkonferenz mit den sechs Außenministern des Golf-Kooperationsrates. Nach seinen Worten unterstützen die Vereinigten Staaten die Luftangriffe mit Logistik und Aufklärung. Zehn arabische Nationen haben sich bisher der Operation öffentlich angeschlossen, die vom neuen saudischen König Salman und seinem Sohn, dem 35-jährigen Verteidigungsminister Mohammad bin Salman, koordiniert wird.

Riad schließt eine Bodenoffensive nicht aus

Die arabischen Staaten beschlossen am Donnerstagabend bei einem Treffen der Außenminister im ägyptischen Badeort Scharm el Scheich, eine gemeinsame Eingreiftruppe aufzubauen, die schnell auf Krisen in der Region reagieren soll. Die gemeinsame Truppe solle künftig eingreifen, wenn Sicherheit und Frieden in der arabischen Welt bedroht seien, sagte der Generalsekretär der Arabischen Liga, Nabil al-Arabi, demnach. Er stehe hundertprozentig hinter den Angriffen auf den Jemen, erklärte er. Saudi-Arabien ließ durchblicken, eine Bodenoffensive sei nicht ausgeschlossen. Im Kampf um den Jemen setzen die Golfstaaten allerdings vor allem auf Bodentruppen aus Pakistan und Ägypten. Beide Regime hängen am saudischen Milliardentropf und können sich diesem Ansinnen nur schwer verweigern. "Wir prüfen eine entsprechende saudische Anfrage", hieß es aus Islamabad. Kairo setzte vier Kriegsschiffe in Richtung Aden in Bewegung. Man stehe bereit, falls Bodentruppen gebraucht würden, gab das Außenministerium bekannt.

Die saudische Armee ist extrem hochgerüstet

Ägypten hat sich schon einmal vor knapp fünf Jahrzehnten auf ein Militärabenteuer in dem bergigen und schwer zugänglichen Land an der Südspitze der Arabischen Halbinsel eingelassen. Nach fünf Jahren Guerilla-Krieg zog der damalige Präsident Gamal Abdel Nasser seine 50.000 Soldaten aus dem Jemen zurück, nachdem dort mehrere tausend ihr Leben verloren hatten.

Die heutige saudische Armee ist extrem hochgerüstet, im vergangenen Jahr war das Land der größte Waffenimporteur der Welt. Auf dem Feld jedoch bringt die königliche Streitmacht nicht viel zustande. Vor fünf Jahren schlug sie sich gegen einige hundert Houthi-Rebellen in der Grenzregion zu Jemen so erbärmlich, dass der damalige Monarch Abdullah wutschnaubend auf das Schlachtfeld eilte, um seinen Generälen die Leviten zu lesen. Am Ende konnten die saudischen Einheiten die Eindringlinge aus dem Nachbarland nur mithilfe eilends verlegter jordanischer und marokkanischer Elitetruppen zurückschlagen.

Die EU warnt vor schweren Konsequenzen

Die jetzige Offensive unter Führung Saudi-Arabiens stieß beim regionalen Widersacher Iran auf scharfe Kritik. Außenminister Mohammad Dschawad Sarif forderte einen sofortigen Waffenstillstand. "Militäraktionen von außerhalb gegen Jemens territoriale Integrität und sein Volk werden nur mehr Blutvergießen und Tote nach sich ziehen", erklärte er dem Sender Al Alam. Auch die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini warnte, die Kriegshandlungen könnten "schwerwiegende regionale Konsequenzen" haben.

Die Houthis könnten versuchen, saudische Ölanlagen aus der Luft anzugreifen

Denn die Houthis und die mit ihnen verbündeten jemenitischen Truppenteile des Ex-Präsidenten Saleh sind gut gerüstet. Den schiitischen Rebellen fielen Flugzeuge, Panzer, Geschütze und Fahrzeuge im Wert von 500 Millionen Dollar in die Hände, die in den vergangenen Jahren von den USA geliefert worden waren. So könnten die Aufständischen versuchen, mit ihren Jets saudische Ölanlagen anzugreifen, von denen ein erheblicher Teil der westlichen Energieversorgung abhängt.

Die Börsen am Golf gaben teilweise kräftig nach

Die Ölpreise zogen am Donnerstag an, die Börsen am Golf gaben teilweise kräftig nach. Auch die wichtige Suezkanal-Schifffahrtsroute durch den Golf von Aden liegt unmittelbar im Kriegsgebiet. Der Kampf gegen Al Qaida im Jemen erlitt zudem einen heftigen Rückschlag. Laut der "LA Times" fielen den Houthis geheime Unterlagen über US-Drohneneinsätze in die Hände, darunter auch die Namenslisten von Informanten.

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