Politik : Sterbehilfe: Ist Holland schon hier?

Jost Müller-Neuhof

"Der Ruf nach dem Tod ist ein Ruf nach Leben". So interpretiert Gerda Graf von der Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz den Wunsch Schwerstkranker nach Sterbehilfe - und fordert stattdessen Schmerz lindernde Therapien. Ist die Diskussion damit erledigt? Leisten die Holländer, die kontrollierte Sterbehilfe straffrei stellen, tausendfachem Totschlag Vorschub? Die Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin ging am Freitag auf einer Tagung diesen Fragen nach.

Justizministerin Herta Däubler-Gmelin bleibt fest: Deutschland braucht kein Gesetz nach dem Muster Hollands. "Die Justiz steht würdevollem Sterben nicht entgegen", sekundiert Karlmann Geiss, der frühere Präsident des Bundesgerichtshofs. Nicht nur der Arzt, auch ein Angehöriger dürfe unter bestimmten Umständen etwa ein Beatmungsgerät ausschalten, wenn der Todkranke dies fordert. Auch der indirekten Sterbehilfe, der medikamentösen Erleichterung des Leids unter Inkaufnahme des Todes, sei der Weg geebnet. Zwar habe dies der BGH bislang ausdrücklich nur für die Zeit unmittelbar vor dem Todeseintritt gebilligt und hier auch nur, wenn die Lebensverkürzung eine "mögliche", aber keineswegs sichere Folge sei. Er sei jedoch "interessengemäß, konsequent und richtig" das Urteil auch auf diese anderen Sachverhalte zu erstrecken.

Der Hamburger Rechtsphilosoph Reinhard Merkel leitet daraus eine provozierende These ab: Die Tötung Sterbender ist auch in Deutschland längst nicht mehr verboten - zu Recht, wie er meint. "Es bleibt ein gravierender Rest von Patienten, denen auch mit der besten Schmerzmedizin nicht geholfen ist". Hat die von Däubler-Gmelin unterstützte Hospizbewegung mit ihrer Annahme Recht, auch der Sterbende will eigentlich immer nur leben? Oder ist dies nur eine Projektion der Gesunden, denen es an Einfühlung mangelt? Und selbst wenn es gelänge, einen Bedarf nach aktiver Sterbehilfe objektiv festzustellen - soll sie aus ihrer rechtlichen Grauzone herausgeholt werden? "Wir Holländer sind sehr pragmatisch", sagt Jaap Visser vom niederländischen Gesundheitsministerium. Und wir Deutschen, deutet die Justizministerin an, sind eben sehr grundsätzlich.

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