Sterbehilfeverbot : "Das ist eine Bedrohung"

Karlheinz Wichmann, Präsident der Gesellschaft für Humanes Sterben, über die Bundesratspläne zum Verbot jegliche organisierte Sterbehilfe.

Der frühere Hamburger Justizsenator Roger Kusch hat einer 79-jährigen Frau beim Suizid geholfen. Viele sind darüber entsetzt. Sie auch?

Ich kenne Herrn Kusch persönlich und weiß, dass er ein energischer Verfechter des Selbstbestimmungsrechts eines jeden Menschen ist. Aber er hat mir nie davon erzählt, was er da vorhat. Was er getan hat, ist zwar nicht strafbar, aber wir als Gesellschaft für Humanes Sterben hätten niemals so gehandelt. Das erscheint mir viel zu aggressiv. Das Entsetzen kann ich hundertprozentig verstehen.

Die Frau war ja offenbar gar nicht krank, sondern hatte – die nicht ganz unverständliche – Angst davor, ins Pflegeheim zu müssen. Hätte man in einem solchen Fall nicht alles tun müssen, um ihr beim Leben zu helfen und nicht beim Sterben?

Das würde mit dem Grundgesetz kollidieren, mit dem Artikel Eins, wo die Würde des Menschen unbedingt geschützt ist. Wille und Wunsch eines Menschen müssen in jedem Fall respektiert werden.

Wie würden Sie sich denn verhalten, wenn ein solcher Wunsch an Sie herangetragen wird?

Die Gesellschaft für Humanes Sterben hat überall in Deutschland Ansprechpartner. Die versuchen, unsere Mitglieder auf den Weg des weiteren Lebens zu bringen, versuchen, ihnen alle Möglichkeiten zu eröffnen. Wir führen eingehende Gespräche mit ihnen.

Und wenn das nichts nützt?

Wenn die betreffende Person trotzdem auf dem Wunsch zu sterben beharrt, wenn sie ganz und gar unzugänglich ist, dann geben wir ihr die Möglichkeit, dass sie ihren Wunsch durchsetzen kann.

Das heißt?

Wir geben der Person Informationen, wie man sich durch bestimmte Mittel das Leben nehmen kann. Aber dafür müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Wir würden das natürlich nie bei einem jungen Menschen machen, der zum Beispiel Liebeskummer hat.

In Deutschland darf man nicht zugegen sein, wenn sich ein Mensch das Leben nimmt. Man muss ihn verlassen, wenn es zum Äußersten kommt, weil man sonst wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden könnte. Das klingt nicht gerade human.

Diese Regelung geht auf die Nationalsozialisten zurück. Nur der Staat dürfe über Leben und Tod entscheiden, hieß es damals, nicht der einzelne Mensch. Man sollte das heute ändern. In der Schweiz zum Beispiel ist das anders.

Deshalb gibt es dort ja auch Sterbehilfeorganisationen. In Deutschland hingegen wird der Bundesrat am Freitag über eine Gesetzesvorlage entscheiden, nach der jegliche organisierte Sterbehilfe verboten werden soll.

Wir sind keine Sterbehilfeorganisation wie etwa „Dignitas“ in der Schweiz, aber dieses Gesetz würde auch uns betreffen, wir wollen uns da gar nichts vormachen. Selbst mit den Informationen, die wir per Gespräch weitergeben, würde es dann schwierig werden.

Das Gesetz würde die Existenz Ihrer Gesellschaft bedrohen?

Ich wollte es nicht so deutlich sagen, aber Sie haben Recht. Das ist eine Bedrohung für eine völlig normale und gesetzmäßig agierende Gesellschaft.

Was ist Ihr Fernziel? Kämpfen Sie für die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe, wie das in Holland oder Belgien der Fall ist?

Ich bin gegen aktive Sterbehilfe und werde immer dagegen opponieren. Aber eines muss ich dazu sagen: Die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben vertritt die Meinung, dass es eine Ausnahme geben muss. Wenn ein Mensch sehr leidet, wenn seine Krankheit irreversibel ist und alle Möglichkeiten, das Leiden zu begrenzen ausgeschöpft sind, wenn es keinerlei Möglichkeit mehr gibt zu helfen, und wenn dieser Mensch - und das ist das Allerwichtigste - den Willen zum Ausdruck gebracht hat, dass er dieses Leben nicht mehr ertragen kann, dann sind wir für Sterbehilfe. Aber nur in diesem Fall. Und man müsste ein ganz genaues und ganz scharfes System erstellen, damit Missbrauch ausgeschlossen ist.

In den Niederlanden gibt es so ein genaues System. Trotzdem hört man immer wieder von Missbrauchsfällen.

Sie können Missbrauch nie ganz ausschließen. Aber ich habe recht gute Beziehungen zu Holland, Ärzte haben mir gesagt, dass das sehr aufgebauscht ist, was da im Ausland erzählt wird. Zum Beispiel diese berühmte Geschichte mit den Ausweisen, die Menschen mit sich führen und auf denen steht „Töte mich nicht, Doktor“ - das ist doch absurd. Die werden von Organisationen verteilt, die gegen Sterbehilfe kämpfen.

Sie meine, die Geschichte mit diesen Ausweisen ist bloße Propaganda?

Genau das denke ich.

Das Gespräch führte Wolfgang Prosinger.

Karlheinz Wichmann ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben. Die Organisation hat 35 000 Mitglieder und betont das Selbstbestimmungsrecht Schwerkranker.

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