Stettin : Abriss der Vergangenheit

Einst wurden in Stettin Orgeln für den Ostseeraum gebaut. Heute kämpft man um den Erhalt der Firmenvilla. Und die Stadt müht sich mit der Erinnerung.

von
2010
2010

Es sah alles gut aus zuletzt. Europa Nostra, die europäische Vereinigung zum Schutz bedrohten Kulturguts, hat einen Protestbrief geschrieben. Orgelfans und Architekten aus Stettin/Szczecin haben zum Widerstand aufgerufen. Das Radio aus Warschau berichtete, auch aus Südpolen meldeten sich Interessenten und Sympathisanten. Musikwissenschaftler aus Deutschland kamen zu Besuch, es gab Benefiz-Konzerte, aus Brüssel intervenierten EU-Beamte. Selbst das Büro von Bundeskulturminister Bernd Neumann stellte Mittel zur Restaurierung in Aussicht. Als dann noch eine entfernte Nachkommin von Johann Sebastian Bach Unterstützung zusicherte, war in der Lokalpresse die Schlagzeile gesichert.

Doch dann kam ein Brief aus dem Amt des Gouverneurs der Woiwodschaft Westpommern. Sofortige Enteignung. Widerspruchsfrist ein Monat. Angebotene Entschädigung für die zweistöckige Villa mit großem Garten: 7000 Zloty. Das entspricht etwa 1700 Euro. Dafür findet man keine Wohnung in Stettin, wo der Mietwohnungsmarkt überteuert ist. Viele Stettiner weichen inzwischen auf die Dörfer jenseits der Grenze aus, weil man in den strukturschwachen Regionen Ostbrandenburgs billiger Wohnungen findet. Für die Schneiderin Elzbieta Kepinska-Luzny, die seit ihrer Geburt in dem Haus im Stettiner Vorort Zdroje lebt, bedeutet die Enteignung wahrscheinlich Obdachlosigkeit. Und das nach zwei Jahren Kampf.

Ihr Problem: Ihr Haus ist schön, doch es steht an der falschen Stelle. Genau hier, in der Ulica Batalionów Chlopskich, soll nach Willen der Stadtplaner eine Schnellbahntrasse gebaut werden, die das Zentrum von Stettin mit den Vororten jenseits der Oder verbindet. Das Projekt stammt aus den Sechzigerjahren, doch erst als die EU eine fünfzigprozentige Beteiligung und 25 Millionen Euro Fördergelder in Aussicht stellte, kam 2004 Bewegung in die Sache. Dass auf der Stelle, wo nach dem Bebauungsplan ein Abwasserkollektor vorgesehen ist, ein denkmalwertes Haus steht, hatte damals niemand realisiert. Absurd dabei, von der Straßenbahntrasse selbst ist das Haus gar nicht betroffen, nur zwei Zugangsrampen tangieren das Grundstück und der Abwasserkollektor. Doch eine Umplanung könnte Verzögerung bedeuten und die in Aussicht gestellten EU-Gelder gefährden, deshalb die Eile. Die Auseinandersetzung um die Villa ist in Stettin zu einem Machtkampf geworden, rücksichtsloser Planungsbürokratismus gegen Bürgerengagement und -beteiligung.

Es geht nicht um irgendein Jugendstilhaus, sondern um eins mit besonderer Geschichte. Die Villa im heutigen Vorort Zdroje war bis 1945 Firmensitz der traditionsreichen deutschen Orgelbaufirma Grüneberg, die seit 1782 den gesamten Ostseeraum bis hin ins Baltikum mit romantischen Orgeln belieferte. Georg Friedrich Grüneberg hatte 1782 eine Orgelbaufirma in Stettin gegründet, 1854 war der Betrieb von seinem Enkel Karl Barnim Grüneberg übernommen und zu einer der bedeutendsten und produktivsten Orgelwerkstätten seiner Zeit ausgebaut worden. 700 Grüneberg-Orgeln gab es, die größte steht noch heute in der Dreifaltigkeitskirche in Liepaja (Lettland). 1906 zogen Barnims Söhne Felix und Georg mit der Fabrik in den damaligen Vorort Finkenwalde um. 1945 floh die Familie nach Westen, die Werkstatt wurde beschlagnahmt, die Fabrik in den Fünfzigern abgerissen. Nur die Fabrikantenvilla blieb stehen.

Es muss vor dem Krieg ein rauschendes Kulturleben in der Villa gegeben haben, erzählt Burghard Grüneberg, der Enkel von Felix Grüneberg, der heute in der Nähe von Bremen lebt und Lehrer und Kirchenmusiker ist. Sein Vater Barnim, der nach dem Krieg in Greifswald versuchte, die Orgelfirma weiterzuführen, hat von einer glücklichen Kindheit geschwärmt, von Konzerten in der zweigeschossigen Halle der Villa. Er hat aber auch davon erzählt, dass Felix Grüneberg zwar Parteimitglied war und mitansehen musste, wie aus seinen kostbaren Hölzern Munitionskisten gezimmert wurden, gleichzeitig aber mehreren jüdischen Angestellten das Leben rettete, indem er sie zu Arbeiten auf die Dörfer schickte, wo sie sich verstecken konnten. Burghard Grüneberg selbst hat erst in den Siebzigern mit seiner Mutter Stettin besucht, und auch die Villa wiedergefunden, hatte aber aus Scheu, nicht als Anspruchssteller auftreten zu wollen, bei den damaligen Bewohnern keine Adresse hinterlassen. Erst das heutige Engagement um die Rettung der Villa hat den Firmenenkel zum Handeln bewegt. Doch auf seine Briefe, die er an einflussreiche Leute in Stettin geschrieben hat, bekam er nie eine Antwort. Und das Firmenarchiv, das sich bis Ende des Kriegs in der Villa befunden hat, ist bis heute verschollen.

In Stettin hat der Name Grüneberg lange Zeit keinen interessiert. Das Denkmalamt, bei dem im Rahmen der Bauvorbereitung angefragt wurde, fand über die Villa nichts in den Akten, forschte auch nicht nach und gab ungeprüft eine Unbedenklichkeitserklärung zum Abriss. Seitdem bemüht man sich um Schadensbegrenzung. Doch die Stadtverwaltung mauert und macht Druck. Das Warschauer Kulturministerium, nächsthöhere Instanz nach der lokalen Denkmalbehörde, hat die Angelegenheit im Juni 2010 an die Stadt zurückverwiesen, wegen offenkundiger Verfahrensfehler. Es hatte keine Vor-Ort-Begehung stattgefunden, positive Gutachten über den Denkmalwert der Villa waren bei der Entscheidung nicht berücksichtigt worden. Nun soll das Stettiner Denkmalamt Ende des Monats noch einmal beraten, eine Entscheidung ist Anfang Dezember zu erwarten. Es könnte die letzte Chance für die Villa und ihre Bewohner sein. Denn die Enteignung steht bevor.

Krzysztof Zaremba fällt aus allen Wolken. Der Politiker hatte sich öffentlich für die Erhaltung der Villa Grüneberg eingesetzt und vor einigen Wochen mit Ewa Stanecka, der zuständigen Konservatorin im Denkmalamt gesprochen und die Nachricht mitgenommen, die Villa sei gerettet, man wolle sie nun doch unter Denkmalschutz stellen. Zaremba, der aus Stettin stammt und für die nationalkonservative Kaczynski-Partei „Prawo i Sprawiedliwosc“ (Recht und Gerechtigkeit) als Senator im Sejm in Warschau sitzt, kandidiert bei der nächsten Kommunalwahl in Stettin als Stadtpräsident. Und hat im Wahlkampf angekündigt, die Geschichte und historische Bausubstanz in Stettin zu schützen, gleichgültig, ob es um deutsche, schwedische oder polnische Hinterlassenschaften in Pommern geht. „Auch wir Polen haben in Weißrussland und der Ukraine unsere Wurzeln und Erinnerungen. Die gilt es ebenso zu pflegen wie die deutschen Monumente in Stettin.“ Am Sonntag wird in Stettin gewählt, erstmals kandidiert mit Mathias Enger auch wieder ein Deutscher.

In Sachen Grüneberg wollte man zuvor offenbar Nägel mit Köpfen machen. Der Druck der kommunalen Behörden ist groß, die Straßenbahn-Lobby in der Region ist mächtig, das EU-Geld verheißt Wirtschaftsaufschwung für die strukturschwache Stadt. Und die Stimmung ist schlecht. Auch auf Nachfrage war in der Stadtverwaltung keiner bereit, zu den Vorgängen um die Villa Grüneberg Stellung zu nehmen. „In der Stadt herrscht ein Klima der Angst“, berichtet Mariusz Lojko, einer der Hauptagitatoren zur Rettung der Villa. Lojko, der aus Stettin stammt und heute in Berlin lebt, ist ein Hobby-Stadtforscher, der über Plastikfenster in Stettins Gründerzeitbauten und die Verwahrlosung der Stadt schimpfen und ohne Punkt und Komma erzählen kann von den Kämpfen, die er mit der Stadtverwaltung ausgefochten hat. Er ist Sprecher einer Quasi-Ein-Mann-Initiative, die er zur Rettung der Villa Grüneberg ins Leben gerufen hat. Im Frühjahr 2010 erfuhr er von den Abrissplänen und dem verzweifelten Kampf der Bewohner. Seitdem kümmert er sich um den Widerstand, spricht bei den Behörden vor, schreibt Protest-Briefe nach Warschau, Berlin und Brüssel. Erben der Firmengründer hat er ebenso mobilisiert wie Orgelbauer und -freunde in aller Welt. Eine Homepage „Ocalmy zabytek“ (Rettet das Denkmal) informiert über Ansprechpartner, bietet Protestschreiben zur Unterschrift, dokumentiert mit Fotos und Video Haus und Bewohner.

Wir treffen Mariusz Lojko vor dem Gelände der Werft in Stettin. Das Tor ist zu, verrammelt. Eine Katze streicht über das vermüllte Gelände, Protestplakate flattern noch im Wind. Das Betriebsgelände liegt verlassen, die Kräne stehen still – Symbol einer Stadt, in der gerade die Lichter ausgehen. Im vergangenen Jahr, als die traditionsreiche Werft, einst mit über 10 000 Beschäftigten eine der größten der Welt und noch Ende der Neunziger ein Musterbeispiel für erfolgreiches Management, endgültig Konkurs anmelden musste, da gab es noch einmal Proteste, Demonstrationen in Stettin. Seitdem liegt die Stadt wie in Schockstarre gefroren.

„Mich haben die Werft-Proteste vor einem Jahr an meine Kindheit erinnert“, erzählt Lojko. Damals, 1970, als die Werftarbeiter in Stettin erstmals auf die Straße gingen, um gegen die Erhöhung der Lebensmittelpreise zu protestieren, war er noch ein Kind. Die Streiks wurden damals blutig niedergeschlagen, noch heute erinnert ein Denkmal am Werftgelände an die Toten, zumeist junge Männer, zwanzig, dreiundzwanzig Jahre alt. Zehn Jahre später, 1980, kam er erneut zum Streik an der Werft, Stettins Schüler wurden von der Lehrerin nach Hause geschickt. Es sei nicht sicher auf der Straße – die Polizei war gegen die Demonstranten aufmarschiert, und keiner wusste, ob es nicht doch wieder zum bewaffneten Konflikt kommen würde. Doch die Schüler waren fasziniert, schlichen sich heimlich zur Werft, endlich passierte etwas. Es war, gemeinsam mit Danzig, der Beginn des Siegs der „Solidarnosc“. Auch die Plakate, die heute noch gegen die Schließung der Stettiner Werft protestieren, fordern „Solidarnosc“ ein. Für Mariusz Lojko sind die Streikenden von damals Vorbilder für seinen eigenen Kampf. Vielleicht engagiert er sich deshalb so für die Villa Grüneberg.

Stettin. Hafenstadt. Werftstadt. Große Vergangenheit, große Probleme in der Gegenwart. Stettin ist so etwas wie das Aschenputtel unter den polnischen Städten: Man träumt von Philharmonie und Hafencity, von Metropolenregion und Touristenströmen, doch die Gegenwart sieht düster aus, die Werft geschlossen, die Gründerzeitviertel verfallen, die Wohnungsnot groß, man sagt der Stadt einen Minderwertigkeitskomplex nach. Bis 1945 war Stettin Hauptstadt der preußischen Provinz Pommern, ein bedeutender Industriestandort, durch die Eisenbahnlinie Berlin-Stettin mit der Hauptstadt verbunden, der Hafen war das Tor zur Ostsee. Das Bürgertum, selbstbewusst, patriotisch, baute sich noch 1913 an der Hakenterrasse ein bedeutendes Stadtmuseum – die Schätze, viel deutsche Romantik von Caspar David Friedrich bis Philipp Otto Runge, sind heute im Pommerschen Landesmuseum in Greifswald zu sehen. Doch der Krieg brachte ein Ende der Provinzialpracht: Die Bomber der Alliierten legten die Altstadt zu 90 Prozent in Schutt und Asche, nach 1945 war zunächst unklar, ob das westlich der Oder gelegene Stettin deutsch oder polnisch werden sollte. Im Juli 1945 wurde die Stadt Polen übergeben und in Szczecin umbenannt. Lange glaubte man nicht daran, bleiben zu dürfen, saß auf gepackten Koffern und erwartete, dass die Deutschen zurückkommen.

So erging es auch Stanislaw und Bronislawa Kepinski. Der junge polnische Ingenieur war 1945 von Warschau nach Stettin gekommen, auf der Suche nach Arbeit und schnellem Erfolg. Er landete in dem Vorort Finkenwalde. Hier stand die Orgelfabrik der Grünebergs. Dem geschickten Handwerker gelang es, das Aggregat der Fabrik wieder flottzukriegen und das Viertel so mit Strom zu versorgen. Als Dank bekam er 1947 von der Stadtverwaltung das Fabrikgelände und die Villa zugewiesen. Die Fabrik allerdings musste er in den Fünfzigern wieder herausgeben, als sie im Zuge der Aktion „Ziegel für Warschau“ demontiert wurde – auf dem Fabrikgelände arbeiten seitdem Tischler der Stadtverwaltung. In der Villa leben Stanislaws Nachkommen noch heute.

Elzbieta Kepinska-Luzny, die Enkelin, hat Pflaumenkuchen angerichtet, eine lebhafte Frau mit wilden roten Locken, sie arbeitet auch als Web-Designerin und hat eine eigene Homepage zur Villa gestaltet (http://domkepinskich.ubf.pl). Englisch kann sie nicht, erzählt mit Händen und Füßen, Mariusz Lojko übersetzt. Ja, sie erinnert sich gut, die Großeltern hatten ihr immer erzählt, dass in der Villa früher ein deutscher Orgelbauer lebte. Es sind auch noch deutliche Spuren der Vorbesitzer am Haus zu erkennen – über der WC-Tür verkündet ein Schild „frei“ oder „besetzt“, das Brett der Hausklingelanlage ist mit den deutschen Bezeichnungen erhalten. Die Villa, die 1908 vom damaligen Stettiner Stadtbaurat Stahl entworfen wurde, weist noch viel Originalsubstanz auf: Das bemalte Treppengeländer in der Eingangshalle erinnert in seiner verspielten Schnitzerei an Orgelprospekte, auf den Türen sind Medaillons mit Blumenmotiven zu sehen. Ein alter Briefkopf der „Orgelbau-Anstalt mit Dampfbetrieb“ zeigt das gesamte Firmengelände, die hohen, neogotischen Fabrikationshallen, daneben die schlichte Villa mit Walmdach. Die asymmetrische Eingangssituation mit Bogen über der Tür, das geschwungene Erkerfenster sind gut zu erkennen und existieren noch. Die Villa mag in schlechtem Zustand sein - jahrelang hat man wegen der ungeklärten Eigentums-Situation nur das Nötigste zum Unterhalt unternommen –, doch von der Substanz her ist sie ein Schmuckstück.

2016 bewirbt sich Stettin um den Titel der Kulturhauptstadt Europas. Bis dahin, träumen Lojko und seine Mitstreiter, könnte die Villa gerettet und mit einem Grüneberg-Dokumentationszentrum verbunden werden. Und warum nicht das Firmengelände zurückkaufen und hier ein internationales Orgel- und Begegnungszentrum errichten? Stettin, das immer noch den richtigen Umgang mit seiner deutschen Vergangenheit sucht, hätte damit ein zukunftsweisendes Gemeinschaftsprojekt, findet auch der Politiker Zaremba, der von einem „Straßburg des Nordens“ spricht und von der selbstverständlichen Zugehörigkeit zu Europa. In der Kirche der Nachbarschaft steht noch eine originale Grüneberg-Orgel. Und wenn doch die Straßenbahn gebaut werden muss, warum nicht eine Haltestelle nach Grüneberg benennen, phantasiert Mariusz Lojko weiter. Man könne das Wartehäuschen wie einen Orgelprospekt entwerfen, und wenn eine Bahn hält, erklingt Musik. Zukunftsmusik.

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