Steuererklärungen : Rentner lassen Finanzämter alt aussehen

Fast zwei Millionen Rentner haben in den vergangenen Jahren offenbar ihre Steuererklärungen falsch ausgefüllt. Jetzt bekommen viele Geld zurück.

Rainer Woratschka

Berlin - Fast zwei Millionen Rentner haben in den vergangenen Jahren offenbar ihre Steuererklärungen falsch ausgefüllt. Schätzungen zufolge sind das 22 Prozent aller steuerzahlenden Ruheständler. Und nur die eine Hälfte, so verlautete am Wochenende aus den Finanzbehörden der Länder, habe sich zu ihren eigenen Gunsten verrechnet. Die anderen haben dem Fiskus seit 2005 teilweise deutlich zu viel gezahlt. Sie erhalten nun im Schnitt 250 Euro pro Jahr zurück.

Für diese Rentner hat sich nun eine Neuerung als Segen erwiesen, die eigentlich zum Aufspüren säumiger Zahler gedacht war: Seit Oktober sind alle Rentenversicherer verpflichtet, den Finanzämtern sämtliche Rentnerdaten zukommen zu lassen. Auf diese Weise wollen die Behörden herausfinden, ob von denjenigen, die bislang keine Steuererklärung abgegeben haben, nicht doch der ein oder andere steuerpflichtig ist. Die Steuerpflicht für Alterseinkünfte besteht seit fünf Jahren – sie trifft aber vor allem Rentner mit überdurchschnittlich hohen Bezügen und Zusatzeinkünften durch Kapitalerträge oder Mieten.

Die behördliche Nachforschungsaktion erstreckt sich zurück bis 2005. Und wer dem Staat in diesem Zeitraum zu viel gezahlt hat, braucht nach Expertenangaben jetzt gar nichts zu tun, er erhält sein Geld automatisch zurück. Probleme könne es allerdings in Fällen geben, wo der Steuerbescheid schon rechtskräftig ist, sagte der Bundesvorsitzende der Deutschen Steuergewerkschaft, Dieter Ondracek der ARD. „Das muss im Einzelfall geprüft werden.“ Möglicherweise lasse sich ja auch manchem Finanzamt eine Mitschuld nachweisen.

In den meisten Fällen liegt der Fehler darin, dass die Rentner die Beiträge für ihre Kranken- und Pflegeversicherung nicht von ihrer Steuerschuld abgezogen oder eine falsche Rentenart angegeben hätten, berichteten Zeitungen der Essener WAZ- Gruppe. Wer etwa den Betrag seiner gesetzlichen Rente im Feld für Betriebsrenten eingetragen hatte, büßte diese Verwechslung mit bis zu doppelt so hohen Steuern. Andererseits hätten viele Rentner auch Betriebsrenten oder andere Alterseinkünfte verschwiegen. Sie müssten nun mit Nachforderungen von durchschnittlich 150 Euro pro Jahr rechnen.

Wenn sich mehr als jeder Fünfte verrechnet, stellt sich die Frage nach Überforderung. Schon für normale Arbeitnehmer sei das deutsche Steuerrecht kompliziert, sagt Rainer Strauch, Rechtsexperte beim Sozialverband VdK. „Für Rentner, die seit zehn Jahren nichts mehr mit dem Finanzamt zu tun hatten und durch die Gesetzesänderung plötzlich wieder in die Besteuerung reingerutscht sind, ist es noch viel weniger zu durchschauen.“ Mit Computerprogrammen kämen die alten Menschen oft nicht zurecht, und Steuerberater könnten sie sich nicht leisten.

Auch bei der Frage, welche Rentner überhaupt steuerpflichtig sind, ist aus VdK-Sicht deutlich mehr Aufklärung nötig. Entdeckt werden jetzt nämlich auch diejenigen, die zu Unrecht bisher gar keine Steuern zahlen. Experten zufolge sind es bis zu 2,5 Millionen. Mit ihnen wollen sich die Finanzämter aber erst im Sommer 2011 befassen. Rainer Woratschka

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