• Steuerreform: Vorzüge für Kinderlose - Familienforscher sehen wachsende Kluft zwischen Singles und Familien

Politik : Steuerreform: Vorzüge für Kinderlose - Familienforscher sehen wachsende Kluft zwischen Singles und Familien

Carsten Germis

Der Vorwurf des Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit an die rot-grüne Bundesregierung hat es in sich: Die Steuerreform 2000, die Finanzminister Hans Eichel (SPD) im Triumph durch Bundestag und Bundesrat gebracht hat, ist nach Ansicht der Familienlobbyisten "ein Programm zur Prämierung von Kinderlosigkeit". Statt den eklatanten Einkommensvorsprung von Haushalten ohne Kinder gegenüber Familien zu verringern, vergrößere ihn die Regierung mit der Steuerreform noch.

Das Familienbüro hat errechnet, dass Eltern mit zwei Kindern bei einem jährlichen Brutto-Einkommen von 60 000 Mark durch die erste Stufe der Steuerreform im kommenden Jahr gegenüber 1998 pro Kopf um 853,76 Mark entlastet werden. Bei einem kinderlosen Ehepaar sind es pro Kopf bereits 957,50 Mark. Der Single ist sogar mit 1488 Mark dabei. Ungerecht, meinen die Heidelberger. Diese Unwucht verstärkt sich mit den folgenden Stufen der Reform 2003 und 2005 sogar noch. Im Jahr 2005, wenn die dritte Stufe der Reform in Kraft tritt, verbuchen die Eltern im Vergleich zu 1998 pro Kopf ein Plus von 1176 Mark. Das kinderlose Ehepaar kommt auf 1599 Mark und der Single auf 2386 Mark, errechnete das Heidelberger Familienbüro auf der Basis der Zahlen aus dem Finanzministerium.

Dabei fällt die Gesamtentlastung für die Familien natürlich höher aus: 2001 sind es für Familien mit zwei Kindern 2944 Mark, für das kinderlose Ehepaar 1915 Mark und für den Single die bereits erwähnten 1488 Mark. Die relative Benachteiligung der Familien ergibt sich nach den Berechnungen der Familienforscher, weil sie den Anteil der Kinder aus der Gesamtentlastung herausrechnen. Kinder werden dabei mit einem Faktor 0,65 gezählt, was einem Anteil von jeweils 21 Prozent an der Verwendung des Haushaltseinkommens entspricht. 2001 macht das bei einer vierköpfigen Familie 1236,48 Mark aus. Es bleiben für die Erwachsenen also nur 1707,50 Mark, was 853,75 pro Kopf entspricht - deutlich weniger als bei Kinderlosen. Das Familienbüro sieht deswegen trotz der Entlastung für Familien die wirtschaftliche Ungleichheit wachsen: "Haushalte mit Kindern werden immer stärker vom allgemeinen Lebensstandard abgekoppelt." Das aber bedeute einen zunehmenden Verlust von Lebens- und Entwicklungschancen für Kinder und deren Eltern.

Auf dem Wohnungsmarkt gerieten Familien wegen ihrer vergleichsweise geringen Finanzkraft in der Konkurrenz zu Nicht-Eltern immer weiter ins Hintertreffen. "Ausreichend großer Wohnraum ist aber eine zentrale Voraussetzung für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung von Kindern in unserer Hochleistungsgesellschaft", mahnen die Familienforscher.

Ihr Fazit über die allseits gelobte Steuerreform fällt vor dem Hintergrund dieser Berechnungen vernichtend aus: Die rot-grüne Bundesregierung lasse "keine ernsthafte Bereitschaft erkennen", durch die Benachteiligung der Familien "die tendenziell sinkenden Lebens-, Entwicklungs- und Beteiligungschancen der nachwachsenden Generation nachhaltig zu verbessern".

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