Politik : Stiche ins Herz

Ob beschnittene Frauen nach einer Geburt wieder zugenäht werden sollten, ist umstritten

Dagmar Dehmer

Berlin - In Benin ist die Beschneidung von Mädchen gerade verboten worden. Zu verdanken ist das neben den Behörden vor Ort auch dem deutschen Entwicklungsministerium und dem Verein Intakt. Doch die Verstümmelung der Geschlechtsorgane von Mädchen ist kein afrikanisches Problem mehr – von der Entfernung der Klitoris bis zur „pharaonischen Beschneidung“, bei der auch die Schamlippen vollständig entfernt werden und die Wunde bis auf eine winzige Öffnung zugenäht wird. Auch in Deutschland leben beschnittene Frauen. Aber „über ihre Situation ist wenig bekannt“, sagte Unicef-Schirmherrin Eva Luise Kölher am Donnerstag in Berlin.

Wie wenig, zeigt die Umfrage, die das UN-Kinderhilfswerk gemeinsam mit Terre des Femmes und dem Berufsverband der Frauenärzte nun vorlegte. Von mehr als 13000 Gynäkologen haben gerade mal 493 geantwortet. Von diesen allerdings ist knapp die Hälfte schon mit beschnittenen Frauen konfrontiert worden, oder hat sie in einer Schwangerschaft oder bei einer Geburt begleitet. 35 von ihnen wurden gebeten, die Frauen nach der Geburt wieder zuzunähen.

Ein solcher Fall soll sich vor einiger Zeit an der Frauenklinik der Universität München zugetragen haben. „Das haben die zugegeben“, sagt die Autorin Fadumo Korn („Geboren im großen Regen“). Auf eine entsprechende Frage der Münchner Stadtverwaltung antwortete die Klinik: „Wir empfehlen nicht das Vernähen der Schamlippen, wenn die Patientin jedoch darauf besteht, und sie dies dezidiert wünsche (ohne dass der Mann hier insistiert), würden wir dem Wunsch auch entsprechen.“

Ganz so will das der Leiter der Klinik, Professor Klaus Friese, dann doch nicht verstanden wissen. „Das waren ein paar Stiche eher im Rahmen der Wundversorgung“, sagte er dem Tagesspiegel. Die Berliner Ärztin Sabine Müller, die viel mit beschnittenen Frauen zu tun hat, kann gar nicht verstehen, warum sich jemand darüber aufregen kann. Sie findet sogar, dass es dann, wenn eine Frau zur Geburt geöffnet werden muss, die „heilige Pflicht des Arztes“ sei, diese wieder zuzunähen. „Außerdem blutet es sehr“, sagte sie.

Ganz anders sieht das die SPD-Bundestagsabgeordnete Angelika Graf. Sie findet: „Es kommt gar nicht darauf an, ob sich die Betroffene das wünscht.“ Wenn ein Arzt wieder zunähe, „muss auch über dessen Approbation geredet werden“. Ihre Kollegin Birgitt Bender (Grüne) sagt: „Das halte ich für unethisch. Das kann einfach nicht sein, dass Frauen wieder so zugerichtet werden.“ Sibylle Laurischk (FDP) sieht darin einen „schwer wiegenden Fall von Körperverletzung“, während Antje Blumenthal (CDU) eher zurückhaltend von einer „ethischen Entscheidung der Ärzte“ spricht.

Auf die Forderung nach einem Verbot dieser Praxis will sich aber keine der Politikerinnen einlassen. Sibylle Laurischk hält jedoch Hilfsangebote und Beratung für notwendig. Darin ist sich die Politikerin mit Fadumo Korn und Christa Stolle von Terre des Femmes einig. Am Donnerstag forderten beide nichtstaatliche Beratungsstellen für beschnittene Frauen. Denn häufig fehle es den Ärzten wie den Behörden an Sensibilität. „Ich will nicht auf mein Geschlechtsteil reduziert werden“, sagte Fadumo Korn.

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